• Hollarius

    hüstel ich habe nicht ganz aufgepasst. Diese Rezension hätte vor Duma Key kommen müssen. Ich bin sehr betrübt:

    Qual / Blaze

    Über Jahrzehnte wussten eingefleischte King-Fans, dass es einen Roman namens Blaze gäbe, den King für immer in die Schublade gelegt habe. Und dann, 2007, kam Blaze dann plötzlich in die Geschäfte. Also nur im englischsprachigen Raum, auf Deutsch heißt der Roman „Qual“. Aber die einzige Qual an diesem Roman ist der deutsche Titel. Unfassbar! Auch dieser hat keine Verbindung zum Inhalt des Romans.

    King hat sich an den Roman gesetzt, der von Anfang der 70er Jahre stammt, und ihn vollständig überarbeitet. Und daraus entstand eine Mischung aus dem frühen und dem älteren King, die auf ihre Art einen wahnsinnigen Charme entwickelt.

    Inhalt: Blaze, eigentlich Clayton Blaisdell der Zweite, ist ein zwei Meter großer Kleinganove, der mal sehr intelligent ins Leben gestartet war, und dann vom eigenen betrunkenen Vater gleich mehrfach die Treppe heruntergeworfen wurde, was ihn aus dem Club der großen Denker rausgeworfen hat. Als wir Blaze kennenlernen, klaut er gerade ein Auto, unterstützt von einem Typen namens George, der ihm sagt, was er so zu tun hat. Allerdings hat George einen kleinen Nachteil. Er ist nämlich seit ein paar Monaten tot.
    Und nun entspinnt sich die Geschichte von Blaze, der zwar den cleveren George irgendwie im Hinterkopf hat, aber bei ihrem großen gemeinsamen und schon lange geplanten Coup immer die wichtigsten Dinge vergisst. Keine gute Voraussetzung, wenn man ein Baby entführen will.

    Und in diese Geschichte eingewoben ist die tragische Vorgeschichte von Blaze, eine Geschichte von so großer Tragik, dass King selbst sagt, man könne sie gar nicht lesen, ohne irgendwann vor Absurdität zu lachen, so sehr hätte er das Unglück über Blaze ausgeschüttet. Aber entgegen Kings eigener Meinung zu dem Buch, funktioniert das eigentlich immer – auch wenn es ein bisschen knapp hier und da ist, kurz davor, ins Melodramatische abzurutschen. Ein Gegenpol ist die Spannung, die King aufrecht erhält, ein noch größerer der Humor. Blaze überfällt zweimal den gleichen Laden – was schon eigentlich keine so gute Idee ist. Beim ersten Mal hat er vergessen, einen Strumpf über den überdimensionalen Schädel zu ziehen. Und nachdem er eigentlich den Überfall gut durchgezogen hat, kommentiert er selbst beim Rausgehen, dass er den Strumpf vergessen hat – natürlich spricht er dabei George an, denn der hat ihm ja geraten, dass er einen überziehen soll. Beim zweiten Überfall macht er alles richtig – und verkündet beim Rausgehen: „George, dieses Mal habe ich an den Strumpf gedacht!“
    Und ja, solche Dinge passieren immer wieder, und das Lesende kann gar nicht anders als Blaze, immerhin Kindesentführer und Totschläger, von Herzen lieb zu gewinnen. Was für ein böser Trick. Denn das geht doch nicht, oder? Was für eine gemeine moralische Entscheidung? Und keine Frage, mit dem gleichen triumphierenden Gefühl, dass einst aufkam, als Ben Richards in Menschenjagd ein furioses Finale mit vielen Toten anstrebte, - ich hätte jetzt fast das Ende gespoilert – lese ich, wie Blaze manchmal durch Zufall, manchmal durch erfrischende Schläue, seinen Häschern entkommt. Mit dem entführten Kind auf dem Arm, dessen Urgroßtante er so einigermaßen aus Versehen umgebracht hat.

    Blaze hat eine Qualität, die bei Stephen King nicht immer zu finden ist. Die vor allem seine frühen Bachmans eher nicht auszeichnete. Das Buch hat eine große Warmherzigkeit. Das hat natürlich eine gewisse Melodramatik, die gehört da ja quasi zu. Aber egal wie hart King hier am Kitsch entlang segelt, er legt Blaze seinen Lesenden so sehr ans Herz, dass Mitleiden, Mitfreuen und Mitlachen sehr einfach wird.
    Und es wird eben nie wirklich Kitsch, weil zum Beispiel George kein eigentlich goldherziger Kleinganove war, sondern ein cleveres Arschloch, der nicht zu viel Aufsehen wollte, und Blaze gegenüber loyal war, aber ansonsten echt kein netter Zeitgenosse. Und so bekommt King den Bogen geschlagen, rundet diesen neuen und gleichzeitig so alten Roman so sauber ab, dass die Power des jungen Schriftstellers und die Meisterschaft des alten immer zu spüren sind. Ein wunderbarer Roman. Leseempfehlung, volle Kanne!

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  • Hollarius

    Hallo da draußen!
    Gestern ist ein großes Gewicht von den Schultern gefallen, vermutlich die Schlüsselstelle, die große Auflösung einiger Verwirrungen und eine schmerzhafte Stelle, alles in einem. Na, jetzt kann es ja nur noch bergauf gehen^^

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  • Hollarius

    Sunset / Just after Sunset

    Die nächste Kurzgeschichtensammlung. Auch wenn ein paar davon gar nicht so kurz sind. Der Titel neigt hier im Englischen in so eine etwas düstere Ecke, während der deutsche Titel, nun ja, halt dämlich ist. King beschreibt hier keinen Sonnenuntergang, so viel kann ich spoilern. Aber auch der englische Titel passt hier gar nicht mal so gut, denn Just after Sunset hat kaum noch schockierenden Horror. Kein Schreckgespenst, keine hundegroße Ratten, noch nicht mal einen lebendig begrabenen Cadillac-Fahrer.

    Einige der Geschichten sind geradezu erbaulich, manche auch ein bisschen trübsinnig. Und die kürzeste ist wahrscheinlich die gruseligste, und eine, die mir als Cold War Kid ziemlich an die Nieren ging.

    Die kürzester Geschichte heißt „Abschlusstag“. Eine ganz lineare Erzählung über eine junge Frau, die auf eine Party zu ihrem Schulabschluss geht, sie feiert mit Blick auf New York und sieht, wie New York von einer Atombombe zerstört wird und die Druckwelle auf sie zuschießt. Eine Geschichte wie einer meiner Albträume aus der Kinderzeit.

    Ebenfalls New York, und noch deutlicher mit dem 11. September 2001 verbunden ist „Hinterlassenschaften“, eine Geschichte, in der Gegenstände auftauchen, die Opfern von 911 gehört haben, und die den Angehörigen zurückgegeben werden müssen, damit sie den Protagonisten in Ruhe lassen. Hier zeigt sich, wie tief dieses Datum sich in die amerikanische Kultur eingegraben hat. Quasi jede® Künstler:in musste dazu etwas machen.

    Eine melancholische Geistergeschichte ist „Willa“. Seltsam traumhafte Momente werden klar, als die Überlebenden eines Zugunglücks bemerken, dass sie gar keine Überlebenden sind, sondern schon seit zwanzig Jahren als Geister auf den nächsten Zug warten, der sie abholt. Eine Menge geisterhafte Poesie steckt in dieser Geschichte.

    In „Der Hometrainer“ freundet sich ein Maler sogar ein bisschen mit Geistern an, die er erschaffen hat. Nach Rose Madder und Duma Key ist das schon wieder einer Form mit magischen Bildern umzugehen – ganz abgesehen vom gruseligen „Der Straßenvirus zieht nach Norden“ aus „Everything’s Eventual“. Ein Motiv, das King scheinbar nicht so recht loslässt.

    Die „Höllenkatze“ ist wahrscheinlich mein Liebling aus Just after Sunset. Ein Unternehmer, der sehr viel Geld mit Versuchskatzen verdient hat, heuert völlig paranoid einen zuverlässigen Kiler an, um eine Katze zu töten, die sich in seinem Haus niedergelassen hat. Aber mit dem Killer wird die Katze recht problemlos fertig. Und sie wird seinen Auftraggeber auch wieder besuchen. Sagte ich bereits, dass ich Katzen Hunden vorziehe?

    Andere Storys wie „Der Rastplatz“ oder „Das Pfefferkuchen-Mädchen“ sind gar nicht übernatürlich, dafür handeln sie davon, wie Menschen über sich hinaus wachsen, wenn die Situation es erfordert.

    Just after Sunset ist eine gereifte Sammlung, die aber wenig wirklich herausragende Geschichten hat. Die Leseempfehlung ist also wieder eine, die sich an King-Fans und Liebhaber von Kurzgeschichten richtet. Und an Katzenfans!

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Es scheint als hättest du die Verbindung zu Schreibnacht verloren, bitte warte während wir versuchen sie wieder aufzubauen.