• IrinaC

    „Marcel? Ich brauche dringend diese Daten!“
    Mein Chef rollt mit den Augen. Ich weiß, dass ich ihn nerve. Und ich weiß auch, dass er genau das von mir erwartet. Marcel Lindner, Multimillionär und Vorstand mehrerer Unternehmen, und das bereits mit nicht mal 30 Jahren. Außerdem nett und empathisch. Und mein Chef. Und außerdem der Mann, der mich von der Straße geholt hat.
    „Ich treffe mich nachher sowieso mit Ben, dann kümmere ich mich drum, okay?“
    „Alles klar. Grüß den Kleinen von mir.“
    „Mach ich. Aber die Konsequenzen musst du schon selbst tragen“, erklärt er lachend und verlässt mein Büro.
    Marcel und Ben sind das süßeste Paar, das man sich nur vorstellen kann. Und ich freue mich für meinen besten Freund mehr als ich jemals ausdrücken kann, dass er endlich jemanden gefunden hat, der ihn von ganzem Herzen liebt.
    Bis zur Mittagspause widme ich mich dem angefallenen Papierkram, bevor ich meinen Rucksack schnappe und dahin zurückgehe, wo ich herkomme. Zurück auf die Straßen der Hauptstadt. Immer auf der Suche nach jemandem, der vielleicht Hilfe braucht, oder der einen Kaffee mit mir trinkt, weil er ein offenes Ohr braucht. Erst als es bereits dunkel ist, sitze ich in der U-Bahn, auf dem Weg nachhause. Wie immer gehe ich langsam, genieße den Weg zu dem Ort, den ich seit ein paar Monaten mein eigen nennen darf.
    Vor dem Eingang sitzt eine junge Frau auf den Stufen. Als sie mich sieht steht sie auf. Da werde ich anscheinend erwartet.
    „Hallo“, grüße ich fröhlich. Ein vorsichtiges „Hallo“ kommt zurück. „Kann ich dir helfen“, erkundige ich mich. Mein Gegenüber nickt lediglich. „Dann komm doch erst mal mit hoch“, schlage ich vor. Eigentlich habe ich die Anweisung, dass ich solche Sachen ins Büro verlegen muss. Aber ich kann mich eben nicht darauf verlassen, dass jemand der heute Hilfe braucht, auch morgen noch den Mut hat, um mich im Büro aufzusuchen. Mein Überraschungsgast jedenfalls folgt mir ins Treppenhaus und hinauf zu meiner kleinen Dachgeschoßwohnung. Bevor ich uns etwas zu essen warm mache, hole ich frische Kleidung und saubere Handtücher und schicke das Mädchen ins Bad.
    Auch während des Essens sprechen wir wenig. Aber immerhin erfahre ich ihren Namen und dass sie seit ein paar Monaten auf der Straße lebt. Und auch als ich ins Bett gehe, weiß ich noch immer nicht, was genau ich für Vanessa tun soll. Vielleicht braucht sie einfach nur ein Dach über dem Kopf und ist morgen wenn ich aufstehe bereits wieder verschwunden. Unter anderem deswegen lege ich etwas Geld auf den kleinen Schrank im Flur.
    Etwas überrascht stelle ich am nächsten Morgen fest, dass Vanessa nicht nur noch da ist, sondern sich auch bereits um das Frühstück gekümmert hat, das sonst bei mir eher karg ausfällt.
    „Ich hätte dir auch Kaffee gemacht, aber ich hab keinen gefunden“, entschuldigt Vanessa sich.
    „Das könnte daran liegen, dass ich gar keinen habe. Die Kaffeemaschine hab ich zum Einzug geschenkt bekommen. Von Freunden die gerne Kaffee trinken“, erkläre ich grinsend und muss an Marcels seltsames Gesicht denken, als ich erklärte, dass ich Kaffee absolut abscheulich finde. Sowohl den Geruch, als auch den Geschmack. Vielleicht ist es auch einfach nur die Freiheit endlich entscheiden zu können. Oft meinten es die Leute gut und drückten mir einen Coffee-To-Go in die Hand, während ich in der Kälte stand und die Obdachlosenzeitung verkaufte.
    „Wow, ich dachte, jeder außer mir liebt Kaffee“, meint Vanessa und grinst breit.
    „Man wird älter als ne Kuh, und lernt immer noch dazu“, sagte meine Mutter immer“, necke ich sie und wir lachen beide laut auf. Ich genieße das Frühstück und bedauere es fast, als ich ins Büro aufbrechen muss.
    „Bleib ruhig, solange du magst“, biete ich Vanessa an.
    „Aber …“
    „Wir können heute Abend reden. Ich bring uns was vom Chinesen mit“, unterbreche ich sie. Vanessa nickt und wir räumen zusammen die Küche auf. Ich lege ihr den Ersatzschlüssel raus, dann gehe ich. Der Bürokram scheint mir noch nerviger als sonst zu sein. Und heute hab ich auch keinen Außendienst, sondern den übernehmen unsere beiden Turteltäubchen. Wie Marcel und Ben es schaffen, trotzdem noch irgendwie produktiv zu sein ist mir manchmal ein Rätsel. Aber die beiden sammeln Geld anscheinend mühelos und es fällt ihnen auch nicht schwer, neue Partner und Paten für Sachspenden zu finden. Allerdings ist Marcel auch ein verdammt guter Geschäftsmann.
    Wie versprochen gehe ich auf dem Heimweg beim Chinarestaurant vorbei. Ein Luxus, den ich mir sonst eigentlich nie leiste. Ich bestelle zwei Portionen meines Lieblingsgerichts. Dann fällt mir ein, dass Vanessa vielleicht lieber etwas mit Fleisch mag, so dass ich noch zwei Gerichte zusätzlich mitnehme. Aber allein der Gedanke nicht in eine leere Wohnung zurückzukehren stimmt mich fröhlich. Oder die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage machen mich sentimental.
    Allerdings ist meine Wohnung dunkel und leer und auch das Gästebett ist verlassen. Seufzend stelle ich meine Styroporpackungen in die Küche und ziehe mich erst mal um. Der Appetit ist mir gründlich vergangen. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen um Vanessa. Gleich morgen werde ich ein paar meiner alten Freunde suchen und mich nach ihr umhören. Aber ich weiß nur zu genau, dass ich sie nicht finden werde, wenn sie das nicht möchte. Die Stadt ist zu groß und vielleicht ist sie sogar schon wieder weg.
    Als ich später im Bad stehe und meine Zähne putze, höre ich ein Kratzen an der Wohnungstür. Dann ein poltern. Schnell öffne ich und finde Vanessa blutend auf dem Boden sitzend.
    „Ach du Scheiße, was ist dir denn passiert?“ Ohne eine Antwort abzuwarten ziehe ich sie hoch und auf meine Couch. Aus dem Schrank hole ich Desifektionsspray und Salbe, und aus dem Bad einen feuchten Lappen und eine Schüssel lauwarmes Wasser. Vorsichtig reinige ich die Wunde an der Stirn. Sie ist nicht tief, aber ziemlich groß. Und auch der Rest sieht nicht viel besser aus. Vanessa presst die Lippen zusammen, und stöhnt leise.
    „Sonst noch irgendwas, um das ich mich besser kümmern sollte?“
    Stumm schüttelt sie den Kopf. Ich warte, ob vielleicht eine Erklärung kommt, aber nichts.
    „Okay, dann räum ich das mal weg.“
    „Danke“, krächzt sie leise.
    Ich wärme etwas von unserem Essen auf und bringe es ihr. Erneut murmelt sie ein leises Danke, sieht mich aber nicht an. Und langsam macht es mich wahnsinnig, dass sie mir so wenig vertraut. Allerdings weiß ich auch, dass ich einfach Geduld haben muss. Es ist noch nicht so lange her und ich wäre in der gleichen Situation gerannt, soweit ich nur gekonnt hätte, wenn man mich zu sehr bedrängt hätte. Nach wenigen Bissen legt sie die Gabel beiseite und wimmert wieder leise. Ich hole ein Glas Wasser und zwei Schmerztabletten, die sie ohne große Nachfrage auch schluckt. Ich bleibe bei ihr, bis sie eingeschlafen ist. Ich selbst schlafe schlecht. Leise gehe ich noch vor der Morgendämmerung hinüber in die Küche und setze Teewasser auf. Auf jedes Geräusch aus dem Wohnzimmer lauschend setze ich mich schließlich an den Küchentisch. Ein poltern gefolgt von einem kernigen Fluch reißt mich später aus meinen Gedanken und ich springe auf. Mein Gast liegt halb im Flur. Die Hände auf den Unterleib gepresst, blass und mit Schweiß auf der Stirn.
    „Du brauchst einen Arzt“, beschließe ich und wähle bereits den Notruf. Bis dieser eintrifft protestiert Vanessa, doch ich lasse mich nicht erweichen. Immerhin protestiert sie nicht, als der Arzt erklärt, dass sie auf jeden Fall ins Krankenhaus für weitere Untersuchungen muss. Und nach einem kurzen Check wird sie schließlich nach unten gebracht. Ich kann leider nicht im Krankenwagen mitfahren, aber ich muss sowieso ins Büro und mir eine Kostenübernahmeerklärung holen. Marcel und Ben begleiten mich ins Krankenhaus auch wenn Marcel während meiner Schilderung nicht besonders glücklich aussieht. Aber die Standpauke verschiebt er immerhin auf später.
    Da wir nicht verwandt sind, bekomme ich natürlich auch keine Auskunft in der Notaufnahme. Allerdings lässt Marcel seine Beziehungen spielen und ich kann kurz mit dem Arzt sprechen.
    „Wir haben bereits den OP informiert. Die Hodentorsion muss so schnell wie möglich operiert werden. Natürlich kann ich über eventuelle bleibende Schäden noch nichts sagen.“ Ich starre ihn mit offenem Mund an.
    „Wir sind hier wegen Vanessa“, stelle ich richtig. Der Mann nickt. „Wie gesagt. Wir operieren. Sie sollten das später klären“, schlägt er vor. Marcel bugsiert mich auf einen Stuhl und Ben drückt mir einen Schokoriegel in die Hand.
    Zwei Stunden später sitze ich an der Seite von Vanessas Bett und warte darauf, dass sie aufwacht. Marcel und Ben sind unterwegs um etwas zu essen zu besorgen.
    „Hey“, flüstere ich leise, als sie die Augen öffnet.
    „Du bist da“, erklärt sie staunend.
    „Klar. Wo sollte ich denn sonst sein?“
    Ein leises Schluchzen ist die Antwort.
    „Wir kriegen das hin. Jetzt wirst du erst mal gesund und dann sehen wir weiter. okay“
    Vanessa nickt und ich halte einfach weiter ihre Hand. Auch als Marcel und Ben zurückkommen. Wir essen zusammen die Pizza, die sie am Schwesternzimmer vorbeigeschmuggelt haben. Das Krankenhaus verlassen wir erst, als die Nachtschwester uns rauswirft.
    Zwei Tage später wird Vanessa bereits entlassen und kommt mit zu mir nachhause. Marcel und Ben sorgen dafür, dass wir wirklich alles haben, was wir brauchen. Und meistens sogar noch mehr. Sie kümmern sich um einen Termin bei einem Facharzt der sich lange Zeit nimmt, um alle Möglichkeiten einer teilweisen oder kompletten Transition mit Vanessa zu besprechen. Außerdem dürfen wir einen ganzen Tag mit seiner Kreditkarte nach Herzenslust shoppen. Am Ende des Tages fallen wir erschöpft nebeneinander auf die Couch. Und plötzlich ist es mir nicht mehr genug, nur Vanessas Hand zuhalten, oder ihr Shampoo zu riechen.
    „Was ist los?“
    „Ich … Du … Es ist weil …“Vanessa lacht leise und sieht mich mit schief gelegtem Kopf an. „Ja, ich glaub ich verstehe“, flüstert sie und küsst mich.

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  • IrinaC

    1. Dezember

    „Es tut mir wirklich leid, Herr Lindner, aber wir haben kein Zimmer mehr frei.“
    Mit einem bedauernden Lächeln reicht der Portier mir meinen Ausweis zurück. Kurz denke ich darüber nach die schwarze Kreditkarte aus meiner Geldbörse zu holen, nur um zu sehen, ob es einen Unterschied macht. Doch dann beschließe ich, dass ich ein paar Stunden, bis der nächste Flieger nach Hause geht, auch ohne Hotelzimmer überstehen werde. Es ist schon nach zehn. In einer Stadt, die sich selbst gerne als Partyhauptstadt darstellt, sollte es kein Problem sein die Zeit bis dahin zu überbrücken. Schlafen will ich jetzt sowieso nicht. Nicht mit dem Bild meines Freundes, naja jetzt wohl eher Ex-Freundes mit diesem anderen Kerl vor Augen.
    Dummerweise habe ich aber weder eine Winterjacke noch irgendwelche anderen Klamotten mitgenommen. Meine üblichen Clubs fallen somit aus. Nicht mal ich kann mich in Jeans und T-Shirt da reinmogeln. Auch wenn das Zeug locker den Monatslohn eines dieser Türsteher gekostet hat. Trotzdem muss es ja etwas geben, wo ich reinkomme.
    Zwei Stunden später bin ich jedoch noch immer unterwegs und friere wie der sprichwörtliche Schneider. An einem 24 Stunden Kiosk kaufe ich mir einen heißen Kaffee und ziehe weiter durch die Straßen, auf der Suche nach einem Unterschlupf für weitere zwei Stunden. Die Straßen mit den weihnachtlich geschmückten Schaufenstern und Riesenzuckerstangen an den Straßenlaternen habe ich längst hinter mir gelassen. Meine Füße brennen und ich lasse mich auf eine Bank am Rand eines kleinen Parkes fallen. Nur ein paar Minuten ausruhen. Etwas zu essen wäre auch nicht schlecht, wie mir mein Magen in genau dem Moment lautstark verkündet. Seufzend schließe ich die Augen.
    „Hey, morgen sieht alles wieder besser aus.“
    Erschrocken öffne ich die Augen und drehe mich zu der Person, die mich angesprochen hat. Ein Mann, noch jünger als ich, steht vor mir und sieht mich mit schief gelegtem Kopf an. Wahrscheinlich überlegt er, ob es sich lohnt mich auszurauben.
    „Ja, kann schon sein“, antworte ich und bin erschrocken, wie wenig ich davon überzeugt bin. Robert war nicht unbedingt meine große Liebe, aber ich mochte ihn. Genug um ein Jahr mit ihm zusammen zu sein …
    „Bestimmt. Hast du schon einen Platz, wo du heute Nacht schlafen kannst?“
    „Nein. Ich warte eigentlich nur, bis irgendwo ein Café aufmacht, damit ich ins Warme komme“, antworte ich. Mein Gegenüber nickt.
    „Wie heißt du?“
    „Marcel.“
    „Ich bin Ben.“
    Wir schütteln uns die Hand. Er trägt eine viel zu dünne Jacke und weder Handschuhe noch Schal oder Mütze, wie mir auffällt. Die Schuhe haben ihre besten Zeiten ebenfalls längst hinter sich.
    „Komm. Für einen haben wir sicher noch Platz.“
    Fragend ziehe ich eine Augenbraue hoch, folge ihm dann jedoch. Schließlich biegen wir auf ein offensichtlich schon längere Zeit verlassenes Baustellengelände ein.
    „Warte nur, bis wir drinnen sind“, meint Ben geheimnisvoll. Wir schleichen durch einen Tunnel und stehen plötzlich auf einer der modernsten U-Bahn-Stationen, die ich kenne. „Schnell, hier rüber. Die Bahn kommt gleich“, meint Ben und zieht mich eine Treppe hinauf. Wenig später sehe ich mich staunend um. Ich stehe mitten in der bekanntesten Baustelle Deutschlands.
    „Cool, oder?“
    Ich nicke stumm. „Mach die Augen zu, bis ich sage, dass du wieder gucken kannst“, fordert er mich auf. Er greift nach meiner Hand und zieht mich mit sich. Ich tue was er sagt und muss über mich selbst lachen. Marcel Lindner. Multimillionär und Kontrollfreak lässt sich von einem Obdachlosen durch den - noch immer nicht eröffneten - BER führen. Die Schlagzeilen, wenn wir erwischt werden kann ich förmlich vor mir sehen.
    „So, wir sind da“, meint Ben und wir bleiben stehen. Langsam öffne ich die Augen. Wir befinden uns in einem Raum, der wohl mal eine Kantine werden soll. Jedenfalls gibt es eine Theke, die jedoch natürlich leer ist. Unzählige Tische und Stühle stehen noch verpackt an den Wänden. Und wir sind nicht alleine. Mehrere kleinere Gruppen von Menschen sitzen oder stehen zusammen. Niemand schenkt uns weitere Beachtung. Ben geht immer noch meine Hand haltend, auf eine der Gruppen zu.
    „Hey Leute, das ist Marcel. Er braucht heute Nacht einen Unterschlupf“, erklärt er und die drei nicken.
    „Ich hab Dein Zeug im Keller gelassen. Wusste nicht, ob du zurück kommst“, meint eine der Frauen, die sich als Andrea vorgestellt hat. Ben nickt. „Schon okay. Ich … Erzähl ich dir später“, meint er. Dann wendet er sich an mich. „Ich bin gleich wieder da.“ Ohne ihn fühle ich mich komisch und habe auch ein schlechtes Gewissen. In der Theorie war mir klar, dass es solche Orte gibt. Dass es Menschen ohne ein Zuhause gibt, die Tag für Tag kämpfen müssen, um zu überleben und trotzdem nicht wissen, wie sie die Nacht überstehen sollen. Bis jetzt hatte ich sie aber unter „selbst schuld“ als Faulenzer und Schmarotzer abgestempelt. Patrick, der dritte im Bunde reicht mir einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit und Melanie kramt einen Müsliriegel aus einer ihrer zahlreichen Plastiktüten hervor. Ich muss hart schlucken, bevor ich mich bei den beiden mit einem einfachen „Das ist sehr nett“, bedanken kann. Als Ben zurückkommt bin ich erleichtert. Eine Weile sitzen wir noch zusammen. Viel erfahre ich über die Drei nicht. Lediglich Ben erzählt, wie er letztendlich auf der Straße gelandet ist. Und ich bin schockiert. Bis vor einer Minute war ich davon ausgegangen, dass in unserem Staat so etwas nicht möglich ist. Dass wir uns um Jugendliche kümmern, die von ihren Eltern aus dem Haus geworfen werden.
    Wir verlassen die Kantine und gehen ein Stück den Flur hinunter in eine Kammer, die wohl ein Vorratsraum werden soll. Ben trägt seine Sachen in eine Ecke. Er wirft sämtliche Kleidungsstücke die er zu besitzen scheint auf den Boden und nimmt dann den Schlafsack aus der Hülle.
    „Na komm schon, oder hast du plötzlich Angst vor mir? Keine Angst, ist nicht ansteckend.“ Ich brauche eine WEile, bis ich verstehe, auf was er anspielt.
    „Was? Nein, hab ich nicht. Ich bin nur …“
    „… noch neu auf der Straße?“, vervollständigt er meinen Satz. Ich nicke.
    Wenig später liegen wir Rücken an Rücken unter Bens Schlafsack. Ich lausche auf jedes noch so kleine Geräusch. Doch außer Bens Atem ist es ruhig. Irgendwann kommen auch Patrick, Melanie und Andrea. Noch immer kann ich nicht schlafen. Melanie schnarcht leise, Patrick murmelt im Schlaf vor sich hin und Ben hat sich umgedreht und sich an mich gekuschelt. Es ist verrückt, aber ich wünsche mir, ich könnte wirklich dazugehören. Einer von ihnen sein.
    Am Morgen bin ich davon allerdings nicht mehr wirklich überzeugt. Mein Rücken tut weh und mein rechter Arm ist eingeschlafen. Wahrscheinlich werde ich eine Woche Massagen brauchen, um meine Muskeln wieder locker zu bekommen.
    Ben bringt mich zurück in die Stadt. Mehrmals versichere ich ihm, dass ich klar komme. Er wiederum nimmt mir das versprechen ab, dass ich jederzeit zu ihm kommen kann. Ich solle einfach auf der Bank auf ihn warten. Dann geht er. Ich warte noch eine Weile, bis ich sicher bin, dass er nicht zurück kommt. Dann steige ich in das nächste Taxi und lasse mich zum Flughafen fahren. Dieses Mal der, auf dem Flugzeuge auch starten und landen.
    Während der nächsten Wochen bin ich damit beschäftigt, mehrere Hilfsorganisationen zu kontaktieren, Meetings abzuhalten, Finanzpläne zu prüfen und all diese Dinge, die eben anfallen, wenn man eine Lücke schließen möchte, die keiner sieht. Und dann ist es endlich soweit. Ich muss nur noch den Mann kontaktieren, der mein Kontakt und später der Leiter der Organisation sein soll, die ich kurzerhand gegründet habe.
    Mit meinen Klamotten von damals, einem Schlafsack aus dem Second-Hand Laden und ein paar Wertmarken mache ich mich auf die Suche nach Ben.
    Am ersten Tag habe ich kein Glück, und auch nach drei Tagen kehre ich nach Stunden auf meiner Bank zurück ins Hotel. Tagsüber durchstreife ich die Stadt auf der Suche nach ihm. Aber keine Spur. Auch nicht von Andrea, Melanie oder Patrick. Und ohne Nachnamen kann ich auch die Polizei nicht davon überzeugen, nach ihm zu suchen. Und dann sitzt er eines Tages da und wartet auf mich. Lächelt mir entgegen und meine Welt ist wunderschön. Einfach nur weil er da ist.
    „Ich hab gehört, irgend so ein reicher Schnösel sei auf der Suche nach mir“, meint er und sieht mich fragend an. Okay, so hatte ich die Sache nicht angehen wollen.
    „Kann ich dir das später erklären?“
    Er runzelt die Stirn, bleibt aber sitzen.
    „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Aber hauptsächlich wollte ich dich wiedersehen und hab nach einem Grund gesucht.“
    „Du hättest einfach nur hier warten müssen“, meint er und grinst. „Vielleicht mit ´nem Kaffee und frischen Brötchen oder so“, ergänzt er dann und grinst.
    „Okay, ich merk es mir. Versprochen. Aber wie wäre es stattdessen mit einer Wohnung und einem Job.“
    „Keine Ahnung, käme ein bisschen darauf an …“
    Er grinst schelmisch und ich weiß, dass ich gewonnen habe. Trotzdem nähre ich mich nur vorsichtig, gebe ihm die Gelegenheit mich abzuweisen.
    „Brauchst du immer so lange, bis du jemanden küsst?“
    Lachend werfe ich sämtliche Zweifel und Fragen über Bord und ziehe ihn an mich, küsse ihn und hoffe, dass dieser Moment niemals endet. Und wer weiß, vielleicht geht mein Wunsch in Erfüllung. Schließlich ist in ein paar Tagen Weihnachten.

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  • IrinaC

    verdammt, der Mann macht Frühstück lach Ich komm dann gleich wieder <3
    immerhin hab ich 288 geschafft dieses Mal

    Verfasst in Schreibmarathon Wochenende weiterlesen

Es scheint als hättest du die Verbindung zu Schreibnacht verloren, bitte warte während wir versuchen sie wieder aufzubauen.