Hallo
Bei Krimi kann ich einfach nicht widerstehen. Ich hab dafür eine Szene geschrieben, die vor meiner eigentlichen Geschichte spielt. Hat sich als sehr hilfreiche Hintergrundarbeit erwiesen, dafür schon mal Danke an die Aufgabenstellung. Die eigentliche Geschichte spielt in den USA, aber ich hab sie für die Übung des Lokalkolorits nach Bern verpflanzt. Deswegen die hauptsächlich englischen Namen … Hoffe, das lenkt nicht zu viel ab. Right. On with the story …
1500 Worte.


Mord-Tatorte sind seltsame Orte. Egal wo oder zu welcher Uhrzeit, bevor die Leiche entdeckt wird, strotzt der Ort vor beklemmender Energie. Ein Hauch vom Vorhang zwischen dieser und der nächster Welt ist da immer spürbar.
Spätestens ab Ankunft der Polizei weicht diese Beklemmung dem makabren Tanz einer Tatortuntersuchung.
Shay zog letzteres vor. Vielleicht aufgrund seiner irischen Abstammung und die Geschichten seines Grosis, die ihm und seiner Schwester immer wieder von Totenwachen, grausamen Feen und den magischen Geschöpfen der Anderswelt erzählte. Besonders die Anekdoten von wilden Totenwachen hatten ihn fasziniert. Heute sah er die Untersuchung eines Tatorts gerne als seine eigene Art der Totenwache.
Dieser war kein Unterschied. Draussen vor dem sechs-stöckigen Sandsteingebäude merkte er nicht viel vom Hauch der Anderswelt. Uniformierte sicherten die Absperrung, an der sich neugierige Passanten tummelten. Da sie abseits der Hauptgassen der lieblichen Berner Altstadt waren, hielt es sich allerdings in Grenzen. Er suchte den Blickkontakt mit Brügge, der ihm zunickte. Wie erwartet, die Schaulustigen wurden alle fotografiert. Mit einem Dank an den routinierten Streifenpolizisten betrat er das Gebäude. Natürlich kein Lift, das hatten die wenigsten Gebäude hier in der äusseren Altstadt. Sie standen fast alle unter Denkmalschutz, zu Recht. Jahrhunderte alte Bausubstanz ging vor Bequemlichkeit.
Er stieg die schmale, enge Treppe hoch in den dritten Stock. Die Tür zum Büro stand offen, doch er nahm sich die Zeit, das goldene Schild am Eingang zu studieren.
Agentur Erni & Weiss
Robert Wheaton

Einfach, schlicht, teuer. Dieser Eindruck verstärkte sich weiter, als er eintrat. Das Vorzimmer war in einem angenehmen Elfenbeinton gestrichen, mit dunkel gehaltenen, eleganten Holzmöbeln. Der Tür gegenüber stand ein schwerer, auf Hochglanz polierter Sekretär. Links neben der Tür ein kleiner Wartebereich mit goldenem Garderobeständer, silbrig-beigen Ohrsesseln und einem kleinen Tisch, auf dem ein paar Bücher lagen. Keine Zeitschriften.
In einem der Sessel sass eine Frau. Um die dreissig, blond, in einem marine-blauen Jupe und Blazer mit weisser Bluse. Sie war blass, aber die verschränkten Arme vor der Brust zeugten bereits von Ungeduld. Waltz stand neben ihr, abhauen konnte sie nicht, dafür sorgte die stämmige Streifenpolizistin schon.
Für den Moment beachtete er sie nicht weiter und trat ins Büro von Robert Wheaton ein – da spürte er schon diesen Hauch, vertraut wie er mittlerweile war.
Der Stil des Vorzimmers setzte sich hier fort: schlicht aber edel, weiss gepaart mit dunklem Holz und viele goldene Gegenstände, von den Mont Blanc Schreibern auf dem massiven Schreibtisch zum Aschenbecher auf dem kleinen Couchtisch vor dem Kamin. Die Leiche sass im Ledersessel hinter dem Schreibtisch. Ein goldener Griff ragte aus der Brust. Das Blut auf dem rosafarbenen Hemd zwar schon am Eintrocknen, aber stellenweise noch immer feucht.
Er hob seine Augenbrauen. „Ein Brieföffner?“
Shelly, seine Kollegin seit sieben Jahren, kniete neben dem Stuhl, um sich die Wunde genauer anzusehen. „Scheint so…“ Sie stand auf, um nachdenklich auf die Leiche zu starren. „Robert Wheaton, sechsundvierzig, arbeitet seit zwanzig Jahren als Agent. Geschieden, ein Sohn. Er soll einen guten Namen in der Branche haben und hat einige bekannte Autoren unter Vertrag.“ Sie trat zurück. „Ist es wohl Zufall, dass ich mir hier vorkomme wie in einem Schwarz-Weiss-Klassiker mit Bogart und Bacall?“
Auf der Schreibtisch stand ein Glas, daneben eine Flasche. Er trat näher und beugte sich runter, um daran zu riechen. Die rubinrote Flüssigkeit roch nach teurem Whiskey. Er checkte das Etikett der noch fast vollen Flasche. Bowmore, 1989.
Da lief ihm das Wasser im Mund zusammen, ganz untypisch für ihn an einem Tatort. Aber mit dem Geruch eines solch edlen Single Malts in der Nase, verzieh er sich diesen Faux-pas. „Ich hoffe für den Jungen, dass er noch dazu gekommen ist, wenigstens einen Schluck davon zu kosten. Die Flasche geht locker für fünfhundert Franken über den Tisch.“
Er sah sich weiter um. Das Büro war sehr aufgeräumt, kein Papier auf dem Tisch, nur ein schwarzes A5-Notizbuch. Moleskin. Der Bildschirm mit dem Apfelzeichen drauf, der auf dem Schreibtisch stand, war schwarz.
„Das hier wirkt wirklich alles wie inszeniert. Zufall ist das kaum.“ Er nickte zum Vorzimmer hin. „Ist das seine Assistentin?“
„Nein. Die, eine Laura Bauer, ist heute nicht da, weil ihre Tochter krank ist. Das da draussen ist Casey Cokely. Sie hatte offenbar einen Termin mit ihm um 14.30 Uhr und ihn gefunden.“
Auch wenn sie nichts laut ausgesprochen hatte, ihr Verdacht war unüberhörbar. „Hat sie ein Motiv?“
Sie zuckte mit den Achseln. „Gut möglich. Sie scheint eine Möchtegern-Autorin zu sein. Er lehnt sie ab, macht vielleicht noch ein paar abfällige Bemerkungen, sie sticht ihm den Brieföffner ins Herz.“
Das Szenario war Klischee, aber das hiess selten etwas. Jedes Klischee hatte seine Wurzeln und hinter den meisten seiner Fälle standen banale Motive. Nochmals sah er sich um. „Ich weiss nicht. Das tönt nach Affekt. Hier deutet eher alles darauf hin, dass sich jemand viele Gedanken darüber gemacht hat, wie Herr Wheaton diese Welt verlassen soll.“
Martin Schuler, der Gerichtsmediziner, erschien. Ein Blick und er schmunzelte. „Wo sind wir denn hier gelandet? Bei Philip Marlowe?“
„Sag du es uns“, antwortete Shelly lachend.
Sie zogen sich in den Vorraum zurück, um Martin seine Arbeit tun zu lassen – und eine erste Befragung mit Frau Cokely durchzuführen. Er setzte sich in den Sessel gegenüber der Zeugin, während Shelly stehen blieb. So wirkte er mit seinen eins-dreiundachtzig weniger bedrohlich, was bei einer ersten Befragung, vor allem von einer Frau, nie schaden konnte.
„Frau Cokely? Ich bin Sheiman Schanding, Spezialist bei der Kripo Bern. Das ist Spezialistin Shelly Mass. Wir haben noch Fragen.“
Sie rollte ihre Augen. „Wie ich der Polizistin hier schon erzählt habe: Ja, ich bin Kundin von Bill, ja, ich hatte einen Termin mit ihm, um über mein Buch zu sprechen, ja, ich habe geklopft und bin direkt rein. Wo ich ihn so vorgefunden habe. Nein, ich habe ausser dem Türknauf nichts angerührt, nicht einmal um nach seinem Puls zu fühlen. Er schien mir tot genug dafür. Ich bin raus in den Flur und habe die 117 gewählt, wo ich auf die Ankunft der Polizei gewartet habe, wie gebeten. Nein, ich habe niemanden vor oder nach mir kommen oder gehen gesehen. Das Telefon hat ein paar Mal geklingelt, sonst nichts.“ Sie stoppte, um ihn mit einer guten Portion Unmut anzusehen. „Am Allerwichtigsten: Nein, ich habe ihm den Brieföffner nicht ins Herz gestossen.“
Er mochte es nicht, wenn ihm die Fragen derart aus der Hand genommen wurden. Überhaupt war ihm diese Frau etwas zu nonchalant unterwegs. Zeit, sie aus dem Konzept zu bringen. „Welche Art Bücher schreiben Sie?“
Sie blinzelte. „Warum?“ Die Schärfe in ihren grünen Augen stieg auf zwei Flammen. „Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, ich erkunde lieber fremde Planeten als dass ich mir serienmässig perfide Morde ausdenke. Selbst wenn: ich hoffe doch, mir würde etwas Besseres einfallen als diesen alten Schwank aufzuwärmen.“
„Wie gut kannten Sie den Verstorbenen?“, fragte er, ohne weiter auf ihre Ausführung einzugehen.
„Ich stehe mit ihm seit etwa einem halben Jahr in Kontakt. Wir kamen gut genug aus. Ich hatte den Eindruck, er verstand meine Schreibe. Den Agenturvertrag habe ich vor vier Monaten unterschrieben. Seitdem haben wir uns ein- bis zwei Mal im Monat hier gesehen, um meinen Roman zu besprechen. Mehr war da nicht.“
„Nein?“
Ihr Blick erreichte drei Flammen. „Nein.“
Er glaubte ihr. Was allerdings noch lange nicht hiess, dass sie nicht doch die Mörderin war. Er fuhr fort mit seinen Routinefragen. Shelly ergänzte die eine oder andere. Vor allem aber stellte sie immer wieder einige anders formulierte Fragen, um zu sehen, ob die Antwort von der vorherigen abwich. Was Frau Cokely nicht entging. Ihr Groll wuchs mit jeder dieser Fragen.
„Ist es üblich, dass sie ohne Einladung in Büros eintreten?“, versuchte Shelly gerade eine neue dieser Fragen.
Frau Cokely stand auf. „Bill meinte, das wäre das Einfachste, so lange Laura nicht da ist. Da sich ihre Fragen nur noch zu wiederholen scheinen, nehme ich an, wir sind fertig hier. Kann ich jetzt bitte endlich nach Hause?“
Shay wechselte einen Blick mit Shelly und stand auch auf. „Natürlich. Eine Frage nur noch: Stolpern sie öfters über eine Leiche?“
Dieses Mal war die Schärfe in ihrem Blick definitiv tödlich. Ohne ihm eine Antwort zu geben, rauschte sie zur Tür hinaus.
In seinen Mundwinkeln zuckte es. Den unpassenden Impuls killte er, indem er an die Leiche im Nebenraum dachte. Er drehte sich zu Shelly um. „Was denkst du?“
„Dass es zu früh ist, um etwas zu sagen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass wir die Ermittlungen schnell genug abschliessen können.“
Also kaufte sie Frau Cokely ihre Unschuldsbeteuerungen nicht ab. In vielen Fällen war er einer Meinung mit Shelly. Auch dieses Mal störte ihn die abgeklärte Gefasstheit der Frau wahrscheinlich ähnlich stark wie Shelly. Normales Verhalten war das nicht gerade, die meisten Menschen zeigten da mehr Schock oder Betroffenheit, vor allem wenn sie das Opfer gekannt hatten. Etwas passte da eindeutig nicht zu ihrer Behauptung, ein gutes Verhältnis zu ihrem Agenten gepflegt zu haben.
Gleichzeitig konnte er sich des Gefühls nicht wehren, hier noch lange nicht am Ende dieses Falles zu stehen.
Seine Totenwache würde es zeigen.