Zu alt

Der Chip , der unter meiner Haut implantiert ist, zeigt auf einem kleinen Display das Datum 06.03.2037 an. Ich ächze die Treppen zur Wohnung meiner Familie hinauf. Warum ich in meinem Alter nicht den komfortablen Airlifter nähme, fragt mich eine jüngere attraktive Dame, die im Treppenhaus ihre Wischroboter beim Reinigen der Steinfliesen beaufsichtigt. Ich bekomme kaum noch Luft, winke aber trotzdem dankend ab. Um jung und gesund zu bleiben, möchte ich ihr lächelnd entgegnen. Doch als ich mich nach einer kurzen Verschnaufpause zu ihr umdrehe, hat sie sich bereits wieder abgewendet und dillert wie eine Wilde auf ihrer linken Handfläche herum.
Handys und Smartphones gibt es in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr. Die Nachfolgeprodukte der frühen 2000-der Jahre befinden sich jetzt unter unserer Haut, entweder in den Handflächen und Handrücken oder auf den Oberschenkeln.
Meine Tochter Anna, ihr Ehepartner Martin und ich bewohnen eine dreistöckige Eigentumswohnung in einem Hochhaus einer deutschen Großstadt. Der unterste Eingang zu unserer gemeinsamen Wohnung liegt bereits im 3. Stockwerk, sodass ich vom Erdgeschoss aus noch relativ gut die Treppenstufen erklimmen kann, wenn ich gut drauf bin. Und heute fühle ich mich fit genug dafür. Ich erreiche nach Atem ringend die Plattform vor unserem Eingang. Durch die geschlossene Sicherheitstür hindurch vernehme ich ein dumpfes Geschrei. Was ist denn da schon wieder los? frage ich mich erschrocken. Nervös nestle ich den altbewährten Schlüsselbund aus meiner rechten Hosentasche. Meine Kinder und ich verfügen über die einzige Tür im ganzen Haus, die sich noch manuell öffnen lässt. Bei allen anderen Wohnungen muss man einen Code eingeben und mit beiden Augen in zwei kreisförmige Kameras schauen, bevor sich eine Schiebetür lautlos öffnet. Bei mir hat das Öffnen in der Probephase nie funktioniert, da ich zu oft blinzele. Der Mechaniker der Sicherheitsfirma wies darauf hin einen seiner Robotergesellen an, uns ein zusätzliches altmodisches Schloss in die Schiebetür ein zu bauen. Ich habe zwar jetzt zwei Schlüssel, aber eine Firma, die mir im Bedarfsfall einen Nachschlüssel herstellen könnte, gibt es in unserer zivilisierten Welt nicht mehr. Kaum schwingt die Haustür zur Seite werde ich auch schon von zwei lärmenden Jungen, die sich ein rotes Betttuch um ihre Köpfe geschlungen haben, beinahe umgerannt. Beide Kinder sind mit etlichen Schürfwunden und anderen Blessuren übersät. Wahrscheinlich haben sie sich am Vormittag wie so oft gestritten. Diesmal scheint ihr Streit ziemlich heftig ausgefallen zu sein, wundere ich mich. „Die Erdlinge kommen,“ schreit der Kleinere von beiden. „Macht sie nieder,“ brüllt Moritz, der seinen kleineren Zwillingsbruder Max um einen halben Kopf überragt. Das mit dem Niedermachen erweist sich allerdings als äußerst schwierig, denn die beiden Krawallos müssen nicht nur das Bettlaken mit jeweils einer Hand festhalten, sie jonglieren zwischen sich auch noch einen Besenstil hin und her. Trotzdem gelingt es ihnen, sich vor mir in Positur zu stellen und rufen wie aus einem Mund: „Wir sind die Crackkrieger aus dem Sonnensystem von Knacks. Du bist widerrechtlich in unser Raumschiff eingedrungen und unter Arrest gestellt.“ Anschließend lassen sie wie auf Kommando das Betttuch und den Besenstil fallen, nehmen mich in die Zange und bedrohen mich mit einer aufgerollten zerfledderten Zeitung und einer abgebrochenen uralten Radioantenne. Beide Waffen sind mit roter Farbe bespritzt, Und das wahrscheinlich deswegen, um ihre Gefährlichkeit zu unterstreichen. Ich mache natürlich gute Miene zum bösen Spiel. Immerhin leben unsere 10-jährigen Zwillinge ihre Fantasien real aus und klimpern nicht unentwegt wieder auf ihren Handflächen herum. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es sich bei der Zeitung um einen Schockstab und bei der Antenne um ein Laserschwert handelt. Irgendwie überrascht mich das nicht sonderlich, aber ich nicke trotzdem ehrfürchtig mit meinem ergrauten Haupte. Die Außerirdischen funkeln mich mit hochroten und verschwitzten Köpfen an und ich denke mir, dass muss ein verdammt langer Weg vom Sonnensystem von Knacks bis in unsere Wohnung gewesen sein, wenn sie so sehr schwitzten. „Kannst du dich ausweisen, du alter hässlicher Terraner ?“ fragt mich einer der Crackskrieger übermütig. Zunächst bin ich ein wenig pikiert, dann entscheide ich mich aber, später beim Abendessen noch einmal seine Frechheiten anzusprechen.
Also krame ich umständlich in sämtlichen Hosen- und Manteltaschen nach meinem Ausweis und mime den Erschreckten: „Es tut mir wirklich Leid ihr werten Herren von Knacks, aber mein Ausweis wurde von der terrastischen Regierung eingezogen. Ich bin lediglich noch auf der offiziellen Datenbank der Erde registriert.“ Mit Fremdwörtern kennen sich diese Aliens offenbar nicht so gut aus, denn sie schauen sich gegenseitig verunsichert an. Sie haben inzwischen genug Lebenserfahrung mit mir, dass ich mich unter Umständen auf eine längere, mit unbekannten Wörter gespickte, Diskussion einlassen könnte. Deshalb verzichten sie kurzer Hand auf eine weitere Überprüfung meiner Identität, schnappen sich das Betttuch, das Laserschwert und die Schockzeitung und verduften in den hinteren Teil ihres Raumschiffes. Den Besenstil lassen sie unbeachtet liegen. Ich nehme an, dass er bei ihren Streifzügen durch das Raumschiff hinderlich geworden ist und hebe ihn sicherheitshalber auf, bevor noch ein Krieger darüber stolpert. Vorsichtig setzte ich meinen Weg in das Zentrum des Raumschiffes fort. Aus der Kombüse im 2. Stock höre ich meine Tochter mit den Kochtöpfen klappern. Diesmal nutze ich den hausinternen Sessellift, um in die nächste Etage zu gelangen. Die Hausherrin kocht für ihr Leben gern, deshalb übernehmen bei uns auch noch keine Roboter diese Aufgabe. Anna hört, wie sich der Sitzfahrstuhl knarrend in Bewegung setzt und läuft mir vor Freude strahlend entgegen, noch bevor ich das obere Ende der Treppe erreicht habe. Als sie mich überschwänglich umarmt, entdecke ich, dass ihr linker Arm verbunden ist und auf dem Kopf prangt ein großes hautfarbenes Pflaster. Noch immer hält sie mich fest in ihren Armen und kreischt fast hysterisch: „Du kommst wie gerufen. Könntest Du mir bitte mein Fahrrad in den Keller bringen? Ich werde sonst mit dem Essen nicht rechtzeitig fertig.“ Ich steige mit Schmerz verzerrtem Gesicht aus dem Lift aus, noch bevor ich antworten kann. Der Ischiasnerv hat mir just in diesem Moment wieder mal einen Streich gespielt und verdammt mich in die Hölle der endlosen Pein. Anna verdreht die Augen und grummelt enttäuscht vor sich hin: „Ich sehe schon, wieder nichts mit der Hilfe. Entweder ist es die Hüfte, der Rücken, der Ischiasnerv oder das Herz, der Kopf, die Arme, die Kniee oder die Lunge. Papa, ich glaube du wirst allmählich alt… Früher warst du doch auch nicht so zimperlich,“ ergänzt sie vorwurfsvoll. Schließlich lacht sie dann aber doch. Irgendwie passt ihr Lachen nicht in diese Situation finde ich.