Falsches Kennwort

In meinen Jugendjahren besuchte ich zusammen mit einem Freund Peter das Deutsche Museum der Naturwissenschaften und Technik in München.
Nach etwa drei Stunden brachen wir mit Eindrücken und Wissen voll gestopft unseren Museumstrip ab und strebten ermattet dem Ausgang zu.
Mein Freund war wie immer schneller als ich und ich musste wie so oft noch einmal dringend auf die Toilette. Im Foyer der Eingangshalle suchte ich zunächst vergeblich nach den entsprechenden Hinweisschildern und entdeckte schließlich versteckt hinter einem Kulissenaufbau einer Sonderausstellung den grünen Pfeil mit einem grünen Männchen darauf. Da es den sonst handelsüblichen Schildern sehr ähnelte, beschloss ich, dem grünen Männchen zu folgen. Doch die Hinweisschilder führten mich nicht wie erhofft bald zum Ziel, sondern eher im Kreis herum.
Deshalb drückte ich auf´ s Geradewohl in irgend einem Flur eine Klinke herunter, stemmte eine Stahltür auf und befand mich in einem Treppenhaus. Ich stand auf dem obersten Treppenabsatz. Folglich mussten die Toiletten in den unteren Stockwerken liegen. Der Boden vibrierte leicht und meine Blase drückte entsetzlich. Folglich hetzte ich nach unten. Dabei fühlte ich mich plötzlich leicht wie eine Feder. Als ob sich die Schwerkraft verändert hätte, sprang ich leichtfüßig die Treppenstufen hinab. Das war mir absolut unheimlich. Fünf Stockwerke tiefer erkannte ich wieder das grüne Männchen auf einer grauen Sicherheitstür. Ohne zu überlegen riss ich die Tür auf, stürzte vorwärts und stand im Dunkeln. Die Tür krachte hinter mir ins Schloss. Mit ausgebreiteten Armen tastete ich mich zurück zur Tür, ergriff die Klinke, doch sie ließ sich nicht mehr öffnen. „Kennwort?“ schnarrte mir eine ungewöhnliche Stimme ins Ohr. Erschrocken zuckte ich zusammen. Unter den gegebenen Umständen machte sich die Panik breit und ich erwiderte keuchend:„Ich muss dringend auf eine Toilette und habe mich, glaube ich, verlaufen.“ Daraufhin flackerten ein paar Neonröhren auf und erleuchteten zaghaft einen langen Korridor. Direkt neben mir stand eine zerlumpte Gestalt, die sich eine Kapuze weit über die Augen gezogen hatte. „Da hinten am Ende des Ganges links befindet sich eine Toilette“ raunte mir das kleine Kerlchen zu und deutete mit dem Arm in eine Richtung, „aber Du musst dich beeilen, sie schließen gleich.“ Gehorsam folgte ich seinen Anweisungen und alsbald verschaffte ich mir in den beschriebenen Räumlichkeiten Erleichterung. Dabei entdeckte ich, dass die Toilette mitten in einem dämmrigen Raum stand und weder eine Spülung noch ein Abfluss vorhanden waren. Stattdessen vernahm ich schmatzende Geräusche. Von Angst ergriffen, raffte ich mich hastig auf und eilte zurück in den dunklen Flur. Der Liliputaner erwartete mich schon. „Sie haben das Museum schon abgeschlossen. Du kannst aber mit mir kommen, ich zeige dir den Ausgang.“ Folgsam hüpfte ich dem Männchen hinterdrein. Der Boden erschien mir weich wie Butter und auch die Wände gaben bei jeder Berührung nach. Es war eine surreale Situation. Nachdem wir ein paar Gänge durchschritten und Treppen hinauf und hinab gelaufen waren, stoppte mein Führer abrupt ab. In Gedanken verloren prallte ich gegen ihn .Wir standen in einer riesigen Kuppelhalle. Ein flugzeugähnliches graues Gefährt lagerte darin und aus dem Rumpf hallten uns Töne, Stimmen und Gesänge entgegen. „Es spricht wieder“ flüsterte mein Begleiter vor sich hin. „Was spricht und was ist das für ein Ding da in der Mitte?“ wollte ich erstaunt wissen. „Das ist kein Ding, sondern ein Raumschiff der Lystrianer,“ erwiderte der kleine Kerl. Ich muss gestehen, auf eine solche Antwort war ich nicht vorbereitet und völlig erschöpft ließ ich mich auf eine Treppenstufe gleiten und erwiderte entnervt:“ Na klar, und ich bin der Kaiser von China.“ „Du siehst ihm aber nicht im Geringsten ähnlich,“ konterte mein Gesprächspartner und dann mussten wir beide lachen.
Nach einer kurzen Pause sprudelte ich los: „Woher kommt ihr und wer bist Du?“ Der Liliputaner hob ein wenig den Kopf und legte einen gelben Finger auf seinen runzligen Mund. Der Rest des Gesichts blieb unter der Kapuze verborgen. Nach kurzem Schweigen nuschelte er: „Ach ihr Menschen seid so ungeduldig. Aber gut, ich mache es kurz, denn du wirkst erschöpft.“ Er setzte sich zu mir auf die Treppenstufe. „Ich bin einer der Letzten meiner Art und komme eigentlich aus einer weit entfernten Galaxie, dem Lystra- Sonnensystem jenseits eurer Vorstellungskraft.
So, wie die Amerikaner ihre Area 51 in der Wüste haben, um dort Außerirdische zu verstecken und zu erforschen, so gibt es in Deutschland diese Einrichtung in den untersten Etagen dieses Museums.
Meine Zivilisation ist durch ein plötzlich auftretendes kosmisches Ereignis zu Grunde gegangen und nur wenige meines Heimatsterns konnten dieser Katastrophe entfliehen. Ich habe mir auf der Erde Deutschland als Exil ausgesucht, weil dieses Land über eine ausgezeichnete Demokratie und das beste Bier der Welt verfügt.
Mein Raumschiff ist übrigens ein lebender Organismus, der sich von diversen Flüssigkeiten ernährt und sich inzwischen in allen Kellerräumen und Treppenhäusern des Museums ausgebreitet hat. Deshalb hat die Toilette, die du vorhin benutzt hast auch keine Spülung und keinen Abfluss, denn mein Kamerad überzieht die Wände mit einer biogenetischen Lebensform, die euch wie Gummi erscheint. Wegen des Oktoberfestes ist uns das Bier ausgegangen. Gezwungener Maßen muss ich nach alternativen flüssigen Stoffen Ausschau halten, sonst stirbt mein Raumgleiter. Deshalb hast Du das schmatzende Geräusch gehört, denn die Gummimembrane funktioniert wie ein Schwamm.“ Er holte tief Luft und fuhr fort:“
Am liebsten trällert mein Gefährte die Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven, denn dies ist sein Lieblingslied. Und das wäre auch das richtige Codewort gewesen: Mondscheinsonate. Dies mussten wir mit der Museumsleitung und dem BND so vereinbaren, um Unbefugten den Zugang zu verwehren.“ Ehrlich gesagt, ich konnte ihm das alles nicht glauben und nickte irritiert. „Wir haben dich und deinen Freund seit Eintritt ins Museum beobachtet. Das grüne Männchen war übrigens ausschließlich für dich sichtbar. Es gibt nur wenige Menschen, die wir ins Vertrauen ziehen können,“ schmeichelte mir mein Gegenüber. Er erkannte meine Müdigkeit, hatte Mitleid mit mir, fasste mich am Arm und wie in Trance erreichten wir einen der Nebenausgänge des Museums im Erdgeschoss. Ich weiß bis heute nicht, wie ich dahin gekommen bin. Peter erwartete mich schon dort. „Na Alter,“ raunzte er mich an, „hat wohl wieder mal etwas länger gedauert was?“ Ich nickte nur und schaute mich um, aber von dem Lystrianer war weit und breit nichts mehr zu sehen. Zum Erstaunen meines Freundes sprang ich kurz in die Luft. Die Schwerelosigkeit war verflogen und auch der Untergrund wieder aus festem Material.
Ich habe niemandem von meiner Begegnung in den Katakomben des Deutschen Museums erzählt.
Vor einem halben Jahr besuchte ich mit meinen Kindern erneut das Museum. Dabei erkundigte ich mich bei den Pförtnern und Museumsangestellten nebenbei nach den Räumlichkeiten, besonders den unteren Etagen. Das Gebäude hat nur zwei Kellerstockwerke; vier oder mehr Etagen unterhalb des Parterre waren dem Personal nicht bekannt. Auch die Fluchtpläne wiesen nur zwei Stockwerke unterhalb des Erdgeschosses auf. Das grüne Männchen mit dem Pfeil suchte ich ebenfalls vergeblich. Bei meinen Anfragen im Museum betonte ich bisweilen bewusst das Codewort: Mondscheinsonate, doch meine Gesprächspartner schauten mich darauf hin so skeptisch an, als wäre ich „Schlupp vom grünen Stern“. Hatte ich mir die Kuppelhalle, das Raumschiff, die weichen Wände und den kleinen Lystrianer nur eingebildet? Maßlos deprimiert wartete ich in der Cafeteria des Museums auf den Rest meiner Familie.
Wieder vereint bummelten wir anschließend durch die Innenstadt Münchens. Am Rathaus kauerte auf einer grauen Gummimatte ein kleiner Kauz und spielte mit seiner Geige die Mondscheinsonate von Beethoven. Neugierig trat ich näher an den Musikanten heran. Er hatte die Kapuze bis über beide Ohren tief ins Gesicht gezogen. Als ich mich zu ihm nieder bücken wollte, um ihm ins Gesicht zu schauen, unterbrach er seine Fidelei für einen kurzen Moment und legte einen gelben Finger auf seinen runzligen Mund … .