Dies ist absolut nicht mein Genre, in dem ich sonst schreibe oder mich auch nur wohlfühlen würde … also immer her mit eurer Kritik! Und frohen 4. Advent ^^


Der Fall Maria

Es schneite. Kein besinnliches Rieseln, das sanft die Erde und ihre Wunden bedeckte, sondern ein wilder Schneeflockentanz, in dem man keine zehn Meter weit sah.

Er hockte sich zu Boden und wischte mit behandschuhten Fingern über den Grund. Das Blut war längst versickert, doch von Frieden keine Spur. Er konnte die Bilder noch immer vor sich sehen, wenn er seine Augen schloss. Die Erinnerungen waren auf den Rückseiten der Lider eingeprägt wie ein Kupferstich, sie schimmerten auch rot.

Hier hatte die Futterkrippe gestanden, das Heu modrig und verschimmelt. Schon lange hatte kein Tier mehr daraus gefressen, um das zu wissen, hatte man die Scheune nur aus der Ferne betrachten müssen. Das Dach war halb eingefallen und die Tür so verzogen, dass nur ein kleiner Spalt zu öffnen war.

Er hatte sich durchzwängen müssen und dabei gehörte er nicht zu den Beleibtesten seiner Kollegen.
Jetzt war die Krippe weg, was damit passiert war, wusste er nicht. Hatte man sie entsorgt? Oder verschimmelte sie jetzt in einem Plastikbehälter im Archiv, ein stummes Mahnmal einer rätselhaften Vergangenheit?

In der Ferne fingen die Glocken an zu läuten und er fragte sich, ob sie es damals gehört hatte. Hatte sie gewusst, dass es Weihnachten nicht das übliche 18 Uhr Geläut war, sondern das Ende der Hochmesse ankündigte? Oder kannte sie sich mit derlei Gepflogenheiten nicht aus?

»Ich wünschte, ich wüsste mehr über dich«, murmelte er und nahm die Hand hoch. Trotz der Handschuhe war es empfindlich kalt, der Boden hier war gefroren.

Weiße Weihnachten waren selten, was ihm nur recht war. Die vergangenen Jahre, mit dem Matsch und den fast frühlingshaften Temperaturen, mit den zu früh blühenden Schneeglöckchen und dem tristen Nieselnebel, hatten ihn in Ruhe gelassen. Erst in diesem Jahr kam alles wieder hoch.

»Geht ohne mich«, hatte er zu Helene gesagt. »Heute gibt es nichts Besinnliches in der Kirche für mich.«

»Es ist Weihnachten«, hatte sie versucht, obwohl ein Blick in seine Augen längst verraten haben musste, dass das Gefühl nicht zu ihm durchdrang. »Was soll ich den Kindern sagen?«

»Dass ich an einem Fall arbeite, aber zum Essen und zur Bescherung zurückkomme.«

Helene hatte es akzeptiert, so wie sie alle seine Wunden akzeptierte, weil sie wusste, dass sie ihn nicht ändern konnte. Nur die Zeit würde zeigen, ob er heilen konnte. Doch manches verheilte nicht.

»Wann wirst du endlich deinen Frieden damit machen?«, hatte sie gefragt, als er fast schon zur Tür hinaus war.

»Du weißt, wann.«

Wenn Maria ihren Frieden gefunden hat. Das war der Name, den sie der Unbekannten gegeben haben, die ausgerechnet am Heiligabend in einer verfallenen Scheune tot aufgefunden wurde, das Baby neben sich halb erfroren, aber unangetastet. Wer war sie? Woher kam sie? Was hatte man ihr angetan, dass sie ihr Baby hier zur Welt brachte, so weit ab von jeglicher Hilfe, und lieber verblutet war, als in ein Krankenhaus zu gehen? Warum vermisste sie niemand?

Über die Jahre hatte er gewartet, immer wieder die Akte in die Hand genommen. Man schloss ein Fremdverschulden aus, also wurde der Fall irgendwann geschlossen, doch schon wegen des Babys konnte er nicht vergessen. Es wuchs bei Adoptiveltern auf, aber was würde man ihm erzählen, wenn er je nach seiner leiblichen Mutter fragte?

Wie konnte es sein, dass niemand etwas über sie wusste?

»Wer warst du?«, murmelte er zu der leeren Scheune. Es war ein Wunder, dass sie immer noch stand. »Warum bist du hergekommen? Wieso hierhin? Am Weihnachtsabend?«

Er kniff die Augen zusammen, versuchte, sich vorzustellen, was sie gesehen haben mochte, aber die Scheune blieb so trist und kalt wie eh und je.

Seufzend schlug er den Kragen hoch und trat hinaus in die Welt der weißen Flocken. Es hatte etwas Wütendes, wie der Wind die Wolken schüttelte und den Schnee vor sich her peitschte. Ähnlich der Nacht vor so vielen Jahren.

Er drehte den Kopf, aber schon sein Wagen auf dem Feldweg war kaum auszumachen. Hier wurde nicht geräumt, es war zu viel Aufwand. Wenn der Schnee liegen blieb und eine dichte Decke bildete, wie heute, dann war der Weg nicht zu erkennen. Man konnte genauso gut auf dem Feld laufen. Nur der See war ein dunkler Fleck, den er mehr aus der Erinnerung erkannte als etwas anderem.

Er blieb stehen und drehte sich abrupt um. Der See! Hatte sie etwa geglaubt, ganz woanders zu sein? Es war leicht, sich zu verlaufen. Alles, was sie über ihren Weg hatten herausfinden können, war, dass ein Bauer sie mitgenommen hatte, bis er im Schnee fast stecken geblieben war. Sie war gelaufen. Der Bauer hatte sich Sorgen gemacht und eine Bekannte im Krankenhaus angerufen, ob das Mädchen angekommen war, aber das war sie nie. So hatten sie überhaupt erst die Suche begonnen - ohne den Mann hätten sie das Baby niemals lebendig gefunden.

»Wolltest du ins Krankenhaus?«, fragte er sich nun halblaut. »Und hast dich nur verlaufen?« Bislang hatte er immer geglaubt, sie hatte absichtlich die völlig falsche Richtung eingeschlagen. War vor etwas weggelaufen und in die Dunkelheit geflohen, sich in einem Stall versteckt und ihr Kind dort zur Welt gebracht, wo niemand davon erfuhr. Er hatte ihren Tod für einen Unfall gehalten, mit dem sie nicht gerechnet hatte, aber was, wenn der Unfall schon viel früher passiert war? Wenn sie niemals ausgerissen war, sondern der Schnee für ihr Unglück verantwortlich war?

»Das Wetter war ähnlich wie heute«, murmelte er. Stieg in den Wagen und fuhr vorsichtig den Feldweg entlang, bis er die Stelle an der Straße erreichte, an der der Bauer sie damals aufgegabelt hatte. Tramperin, war die Vermutung gewesen. Was, wenn es noch einen anderen Grund gab?

Er hielt an, stieg aus und sah sich um. Im dichten Schneegestöber war nicht viel zu erkennen. Er stolperte fast über die Bahnschienen und sah sich irritiert um. Seit wann fuhr hier ein Zug?

Mit dem Handy wählte er die Nummer der Dienststelle. »Hey«, begrüßte er seinen Kollegen. »Du bist doch Bahnfahrer, oder? Kannst du mir sagen, ob neben der B210 eine Strecke langführt?«

»Heute nicht mehr. Die ist schon seit Jahren lahmgelegt.«

»Seit wie vielen?« Aufregung stieg in ihm hoch.

»Dreißig ungefähr? Keine Ahnung.«

Er konnte kaum atmen. Sie entglitt ihm, erneut, wie vor so vielen Jahren. »Wohin führte sie denn?«

»Es sind nur noch ein paar Kilometer Schienen übrig, im Norden haben sie dann alles abgerissen für diesen Industriepark. Ursprünglich wollte der mal eine Anbindung an das Netz, hat dann aber doch auf LKWs gesetzt. Im Süden geht sie bis zum Bahnhof in Waldenhof.«

»Waldhof«, wiederholte er. »Danke.«

Er würde das Essen verpassen, vielleicht auch die Bescherung. Dennoch fuhr er weiter nach Süden, bis er in Waldhof war. Den ganzen Weg über schneite es wie verrückt. Er kam kaum voran. Ob es mit dem Zug besser ging?

Der Bahnhof hatte schon geschlossen, aber ein alter Mann mit Bommelmütze und einigen Bierflaschen vor den Füßen saß in dem Wartehäuschen.

»Guten Abend«, wünschte er. »Können Sie mir sagen, ob heute noch ein Zug in die Stadt fährt?«

Der Mann schreckte hoch. »Laut Fahrplan ja.« Er lallte ein bisschen. »Aber bei dem Schnee, wissense, da weiß man nie. Das letzte Mal sind se alle hier stehen geblieben.«

»Das letzte Mal«, murmelte er und blickte die Schienen entlang. Niemand, der noch bei Verstand war, würde die Gleise entlang spazieren, aber wenn die Strecke komplett gesperrt war wegen der Witterungsverhältnisse? Welches Risiko ging man dann ein?

Abgesehen davon, sich im Schnee zu verirren?

Er versuchte, den Fahrplan zu lesen, doch jemand hatte ein Loch in die Scheibe gebrannt. »Sagen Sie, von wo kommen die Züge aus Süden?«

»Die ganzen Käffer. Aber anfangen tut er jenseits der Grenze.«

»Haben Sie vielen Dank. Und frohe Weihnachten!«

Der Mann brummte nur. Er fühlte sich etwas schuldig, dass er ihn einfach am Bahnhof zurückließ, während er in sein Auto sprang und weiterfuhr. Er fuhr und fuhr, bis er im Schnee stecken blieb, irgendwo zwischen den ganzen Käffern, die der alte Mann gemeint hatte.

Mit kalten Fingern zog er sein Handy erneut heraus, doch statt bei Helene anzurufen oder seiner Dienststelle, um jemanden zu informieren, wo er war, wählte er die Nummer der anderen Polizei, die von jenseits der Grenze.

»Hallo? Zimmermann hier, von der Dienststelle in Wollstadt. Es tut mir Leid, sie heute zu stören, aber ich habe eine neue Spur in einem alten Fall. Haben Sie die Datei der vermissten Personen in den letzten zehn Jahren zur Hand?«

»Ich muss sie nicht zur Hand haben«, sagte der andere mit schwerem Akzent. »Hier verschwinden nicht viele Leute. In den letzten zehn Jahren gab es nur einen Fall, der nie aufgeklärt wurde.«

Er wusste einfach, das war Maria. »Junge Frau, Anfang zwanzig, langes, dunkles Haar, schwanger«, tippte er.
Schweigen antwortete ihm am anderen Ende der Leitung. »Sie haben sie gefunden?«

»Vor Jahren schon. Wir wussten nur nie, wer sie war. Sie starb bei der Geburt eines Sohnes.« Die Umstände verschwieg er.

»Warten Sie«, bat der Kollege. »Ihre Mutter ist hier.« Er verschwand, dann ertönte ein leises Knacken in der Leitung. »Sie kommt jedes Jahr wieder her, zu Weihnachten, um ihre Tochter zu suchen. Dieses Jahr können wir ihr endlich sagen, was mit ihr geschehen ist.«

Es war kein Weihnachtswunder, ganz gewiss nicht. Nach so vielen Jahren des Bangens und Wartens erfuhr diese Frau, dass ihre Tochter lange tot war, wie konnte das eine gute Nachricht sein?

Aber er hatte endlich einen Namen für Maria gefunden. Nach all den Jahren war der eine Fall gelöst, der ihm immer Rätsel aufgegeben hatte.

Er umklammerte das Lenkrad und weinte, während der Schnee um ihn herum tobte. In seinem Inneren jedoch war es friedlich. Für ihn gab es endlich Weihnachten.