Lady Edith

Habt ihr euch je nach dem Sinn des Lebens gefragt?

Ihr glaubt vielleicht, es sei eine Erleichterung, ihn zu kennen. Eine Last, die von den Schultern fällt, ein Aufatmen, weil man endlich damit aufhören kann, nach der Antwort zu suchen.

Ihr irrt euch.

Der Sinn macht das Leben keinesfalls leichter, sondern tendiert dazu, alles zu verkomplizieren, was nur möglich ist.

Das sind kluge Wörter, die ich gezwungen war zu lernen. Tendenzen. Verkomplizierungen. Etikette.
Kluge Wörter bringen im wahren Leben rein gar nichts.

Ich stand hinter einer der Erlen im Princess Street Garden, meine Hände hinter dem Rücken versteckt und starrte auf das Leben, wie es sein sollte. Wie ich es niemals haben würde.

Junge Damen mit edlen Satinhüten und daran befestigten Pfauenfedern spazierten durch die Gärten, entweder einen ebenso schick gekleideten Herren oder eine Gouvernante an der Seite. Allenthalben wurde gelächelt, die Schirme gedreht, die in diesem Wetter eher als Regen- denn Sonnenstrahlenabwehr dienten. Sie flirteten, lachten, kokettierten.

Lady Edith war mit ihrer Schwester unterwegs. Der kleine Junge, der vor ihnen auf dem Weg herum hüpfte und mit voller Hingabe die neuen Schnürschuhe mit Matsch beschmierte, auf dass irgendeine arme Dienstmagd heute Abend wieder eine Stunde später ins Bett kam, war Archibald, ihr kleiner Bruder. Der rechtmäßige Erbe und nächster Earl von Eglinton, sofern ihm nichts zustieß, bevor sein Vater das Zeitliche segnete.

Ich war zuversichtlich, dass ihm nichts zustoßen würde. Die Dinge liefen gut für Eglinton, niemand hatte ein Interesse daran, die Erbfolge umzustoßen, und der Geminus Duplicarius hatte bei Archibald wunderbar funktioniert.

Weitaus mehr Sorgen machte ich mir um Lady Edith. Sie war ein schmales Ding, mit einem länglichen, nichtssagenden Gesicht. Das Geld ihrer Familie war es, was sie für die jungen Herren attraktiv machte. Verbindungen und Einfluss sind wesentlich mehr wert als ein Schmollmund und dralles Dekolleté. Wer das haben will, geht nach Leith. Dort am Hafen findet man immer einen hübschen Körper, der für wenige Pence zu haben ist.

Lady Edith dagegen schien überhaupt nicht zu haben zu sein. Sechs Verbindungen waren schon angebahnt und ausgeschlagen worden. Während ihre ältere Schwester längst verlobt und bald verheiratet sein würde, war Edith noch Junggesellin, die begehrteste im ganzen Königreich.

Ich beobachtete die jungen Männer, die die Princess Street Garden auf und ab stolzierten. Den Rücken durchgedrückt, das Kinn nach oben gereckt. Prachtbilder männlicher Arroganz und jener Unbekümmertheit, die nur jene besitzen, die nicht wissen, dass nicht alle Augen, die ihnen folgen, voller Neid und Ehrfurcht sind.

Sie wussten nichts von den anderen Blicken. Jenen dunklen, unheilvollen, flüchtigen Berührungen des Schattens, die bis in die Seele drangen und das Schicksal jedes Einzelnen ein für alle Mal veränderten.

Ich hatte sie gesehen und wusste, wie töricht sie waren, dass sie sich dessen nicht bewusst waren. Doch diese Arroganz war ein Privileg der Oberschicht.

»Guck, Edi!« Archibald zog etwas aus dem Schlamm, der derzeit eines der Beete am Wegesrand darstellte, und präsentierte seiner Schwester eine tote Maus.

Selbst aus der Ferne konnte ich die Gänsehaut sehen, die sich in ihrem Nacken ausbreitete und dann den Rücken hinunterkroch. Ich fühlte sie, wusste, sie würde das Unbehagen nicht einordnen können. Sie würde es auf ihre Erziehung schieben und Archibald ausschimpfen, dass ein Mäusegerippe »pfui« war, doch der Schauer hatte andere Gründe.

Sie beobachteten sie. Die dunklen Blicke lagen längst auf ihr, taxierten, prüften, warteten.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es geschehen würde.

Die Perpendikler irrten nicht. Sie sagten, mit den Schwingungen stimmte etwas nicht, sie waren aus dem Takt geraten. Ich konnte die Strahlen nicht sehen, war nie in der Lage dazu gewesen und hatte mich nie genug darum bemüht, es zu lernen. Doch ich konnte es fühlen.

Etwas stimmte nicht mit Lady Edith und schon bald würde es zuschlagen. Das Unbehagen, das sie spürte, war ein Anzeichen einer noch diffusen Bedrohung, die erst in naher Zukunft entscheiden würde, auf welche Art sie zuschlug.

»Halte dich bereit, Mary«, hatte Calum Breri, wissenschaftlicher Meister der Perpendikler, mir vor wenigen Tagen geraten.

»Gibt es Anzeichen eines Komplotts?« Ich war begierig auf Einzelheiten, wie stets zu neugierig, eine Tratschtante, wie sie im Buche stand.

Breri hatte nur den Kopf geschüttelt. »Hast du denn gar nichts gelernt? Ein gutes Komplott zeichnet sich nicht ab, es wird im Geborgenen geschmiedet und schlägt zu wie ein Falke. Nur die Ignari planen ihre Handlungen derart dilettantisch. Ihre Stümpereien haben den Begriff Komplott nicht verdient.«

»Bald schon gehöre ich zu den Ignari«, erinnerte ich ihn. »Dann sollte ich wohl ›Komplott‹ sagen, wenn ich Stümpereien meine, und vergessen, dass ich die wahren Meister je gekannt habe.«

»Du wirst eine Lady sein. Solche Wörter nimmt eine Lady nicht in den Mund, sie schlägt höchstens erschrocken die Hand davor oder fällt in Ohnmacht. Du kannst doch an passenden Stellen in Ohnmacht fallen?«

Ich verdrehte die Augen und sah von einer Demonstration ab. »Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sein.«

Breri hatte mich nicht verstanden. »Du bist eine Gemina. Eine Doppelgängerin. Du wirst in eine der reichsten und angesehensten Familien des Königreiches kommen. Wichtige Adelige werden um deine Hand anhalten. Deine Kinder könnten eines Tages im Parlament sitzen. Was willst du mehr?«

Ich hatte ihm nicht geantwortet. ›Die Welt sehen‹, dachte ich. ›Frei sein. Mein eigenes Leben führen. Keine Lady sein müssen.‹

Man hatte mich vom ersten Tag an für die Rolle erzogen, ohne dass ich ihren Zwängen je ausgesetzt war. Anders als Lady Edith musste ich nicht in den Gärten daher schreiten und einen furchtbaren Hut balancieren, ich musste nur wissen, wie es ging. Die restliche Zeit, abseits meines Unterrichts, konnte ich den Perpendiklern über die Schulter schauen, und nicht nur ihnen, sondern sämtlichen Wissenschaftlern im Orden. Ich konnte in der Schattenpolitik mitmischen und bei der Planung wahrer Komplotte helfen. Ich konnte in die Häfen von Leith spazieren und jene Mädchen kennenlernen, in deren Gesellschaft Lady Edith niemals gesehen werden durfte.

Ich durfte nur die Stadt niemals verlassen, musste immer auf Abruf sein, für den Fall, dass Lady Edith etwas passierte.

Denn dafür war ich da.

Wie jener junge Spross, der bei Archibalds Geburt erschaffen worden war und seitdem in den Aufzuchtstätten für Kinder steckte, hatte ich nur einen Sinn im Leben: Lady Edith ersetzen, sobald ihr etwas zustieß oder sie ihrer Rolle nicht mehr gerecht wurde.

Die Politik kann sich keine fehlerhaften Individuen leisten. Habt ihr euch nie gewundert, warum die Adeligen, vor allem die wichtigsten unter ihnen, niemals vor der Zeit krank werden, niemals Unfälle haben? Warum sie manchmal mitten im Leben oder vor einem wichtigen Ereignis ihre Einstellungen radikal ändern, so dass man sie kaum noch wiedererkennt? Obwohl man genau sieht, dass es noch derselbe Mensch ist?

Diese »selben« Menschen sind es nicht mehr. Sie sind Gemini, Doppelgänger wie ich. Wir haben einen für jeden von ihnen, Minister, Earls, Prinzen, Prinzessinnen.

Lady Edith war wichtig genug, dass man den Geminus Duplicarius an ihr durchgeführt hatte und ich war das Ergebnis.

Manche hielten es für einen Zauber, aber die Radiästhesisten erklärten es durch kopierte Strahlenbündlung, die mittels Perpendikel eingefangen und verfestigt wurde. Ich habe keine Ahnung von diesen Dingen, wirklich nicht. Sobald ich begriff, wie wahrscheinlich es war, dass ich diese Welt eines Tages verließ und in das Korsett einer dummen, verhätschelten Adeligen gesperrt werden wurde, hatte ich mir nicht mehr die Mühe gemacht, die Wissenschaften zu verstehen. Ich musste nicht wissen, wie ich entstanden war, das Warum reichte.

Es genügte, die richtige Haltung zu wahren. Niemand würde bei einer Lady auf etwas anderes achten. Ich zog die Schulterblätter zusammen und hob das Kinn, neigte den Kopf, so wie ich es bei Lady Edith beobachten konnte. Sie hatte ihre Hand auf Archibalds Schulter gelegt und hielt das Kind davon ab, sich in die nächste Pfütze zu stürzen. Ein junger Mann hatte sich ihr genähert.

Ich stellte mir vor, wie er mit mir sprechen würde, wie er um meine Gunst buhlen würde. Ob er gut aussah? War er im Bett zu ertragen? Wie würde er sich anfühlen, wenn er Edith, nein mich, berührte?

Ich würde es nie erfahren.

Die Sache ist die: Der Sinn einer Doppelgängerin ist es, die Andere zu ersetzen, wenn sie ausfällt. Ich betrachtete meine Hände, sah durch sie hindurch auf den matschigen Lehmboden hinab und wusste, dass ich versagt hatte.

Nicht Lady Edith war etwas zugestoßen, sondern mir.

Nicht sie war in der engen Gasse unterwegs gewesen, in der das Messer zwischen ihre Rippen geglitten war, sondern ich.

Wir waren verbunden, sie und ich. Ich war sie, das war mein einziger Sinn.

Ich konnte an ihrer Stelle existieren, aber nicht ohne sie. Die Bündlung hielt mich noch immer fest, obwohl man den Körper getötet und entsorgt hatte.

Und so bleibt mir nur zu hoffen, dass, wer immer sie in jener Nacht ermorden wollte und sie mit mir verwechselte, seinen Irrtum bald korrigierte.

Damit ich weitergehen konnte.

Der einzig universelle Sinn für Doppelgänger und Unikate ist das Sterben.