Der Sonnenuntergang

Der Sonnenuntergang rief ihm jeden Abend zu: „Folge mir!“. Viel hätte er aufgeben müssen. Die sichere Arbeitsstelle beim Telegrafenbüro in einem verträumten kleinen Ort mitten in der Prairie. Abends saß er vor dem Postamt und beobachtete wie die Postkutschen ankamen und einige Cowboys in den Sonnenuntergang ritten. Er träumte dann wie es wohl wäre, selber einmal in den Sonnenuntergang zu reiten. Durch die mit den Postkutschen angekommenen Gäste, die ihm verschiedene Fragen stellten, wurde er aus seinen Träumen gerissen.

Einem Gast fiel die Geschicklichkeit von Joe auf als er im Telegrafenamt das Gerät nach einem Ausfall wieder in Gang setzte. Bill kam von der Westküste und war geschäftlich auf der Durchreise.
Er fragte Joe: „Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht an einer Universität zu studieren?“
„Was denn?“ fragte Joe. Bill antwortete: „Bei Ihrer Geschicklichkeit im Umgang mit mechanischen Geräten ist Maschinenbau vielleicht eine gute Wahl.“
„Es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn ich das machen dürfte. Allerdings fehlt mir das Geld dazu. Ausserdem muss ich dann diesen Job aufgeben und stehe ohne einen Cent da.“ erwiederte Joe.

Am nächsten Morgen fand Joe einen Brief auf seinem Arbeitsplatz. Als er ihn öffnete fand er darin einen von Bill unterschriebenen Arbeitsvertrag auf dem nur noch die Unterschrift von Joe fehlte. Damit haben sich die von ihm erwähnten Hinderungsgründe für ein Studium in der Grossstadt in Luft aufgelöst. Es blieb allerdings noch eine kleine Unsicherheit. Er war sich nicht sicher, ob er jemals wieder zurück kommt, nachdem er den Ort verlässt. Am nächsten Morgen traf er bei Sonnenaufgang die Entscheidung den Ort zu verlassen.

Ein Ticket für die nächste Postkutsche, die ihn zur nächsten Bahnstation bringen soll, hatte er bereits in einem weiteren Brief erhalten. Doch er wollte sich seinen Traum vom Ritt in den Sonnenuntergang erfüllen. Nachdem er ein geliehenes Pferd gesattelt hatte ritt er durch das Städtchen und verabschiedete sich von Freunen und Bekannten. Nachdem er aus dem Ort draussen war, haderte er auf dem Weg zum Hügel noch lange damit, ob er sich noch einmal umdrehen soll. Auf dem Hügel angekommen drehte er sich noch einmal um und blickte in Richtung des kleinen Städtchens. Jetzt hatte er schon den Punkt überschritten an dem es kein Zurück mehr gibt. Dann ritt er im Eiltempo zur nächsten Bahnstation. Dort angekommen ließ er das geliehene Pferd frei und in seinen Heimatort zurücklaufen. Er schaute ihm eine Weile hinterher und stieg dann in den Eisenbahnwagen ein.

In der Großstadt angekommen beeindruckten ihn die vielen Hochhäuser. Das gab es in der kleinen Stadt nicht. „Ein Bahnanschluss wäre für alle eine Bereicherung“ dachte sich Joe und ging zu einer Pension die sich neben dem Bahnhof befand und noch ein Zimmer frei hatte.

An der Universität lernte Joe vieles über die Technik. Besonders faszinierten Ihn die Hochhäuser.
Er erkannte ausserdem, dass er mit seinem Wissen viel zum Nutzen der Stadt tun kann.

Es kam der Tag an dem Joe sein Studium abschloss. „Jetzt ist es an der Zeit, den kleinen Ort in der Prairie zu modernisieren“ sagte er zu sich. Von Bill hatte er den Auftrag bekommen, den Anschluss an die Eisenbahn vorzubereiten.
Joe wusste, dass sich unter dem Boden der Kleinstadt Erdöl befinden könnte, das für den Wohlstand der Stadt sorgen könnte. Die Forschergruppen die früher dort vorbei kamen hatten sich zwar nie über ihre Motivation geäussert, allerdings kannte Joe die von ihnen verwendeten Geräte. Dass sie einen Brunnen für Wasser bohren würden hatte er nie glauben können.

So kam es eines Tages dass er selber mit der Postkutsche in seiner kleinen Stadt ankam. Die Stadt hat in den letzten fünf Jahren an Fläche zugenommen, allerdings haben die Gebäude eine bestimmte Höhe nicht überschritten. Vor dem fast verfallenen Postamt stand noch sein alter Schaukelstuhl, von dem er früher die Ankunft der Fremden in der Stadt beobachtete. Diesmal war er selber der Fremde der in die Stadt kam.

An der Türe des Postamtes war ein Schild mit der Aufschrift: „Zu Verkaufen“. Er ging zu einem Fenster und schaute hinein. Es hatte sich nicht viel verändert.
Joe hatte sich etwas zusammengespart und ging auf die andere Seite, wo jetzt das Postamt in einem Gemischtwarenladen untergebracht war.
Joe betrat den Laden, in dem er früher Stammkunde war und wunderte sich über die zum Teil leeren Regale. Die Dame an der Theke, die er sofort erkannte, brauchte etwas Zeit um sich an ihren früheren Stammkunden zu erinnern. Sie übergab ihm die Schlüssel für das alte Postgebäude und begleitete Ihn bis zur Tür.
Auf dem Weg erkundigte sich Joe, warum die Post in dem Gemischtwarenladen untergebracht wurde. Sie erzählte ihm, dass nach seinem Weggang viele die Stadt verlassen haben um in die Großstädte zu gehen. Seit dann kam auch die Postkutsche nicht mehr regelmäßig vorbei.
„Das könnte sich bald ändern“ sagte Joe zu ihr.

Joe betrat seinen alten Arbeitsplatz und schaltete ein Gerät ein. Es funktionierte wie an seinem letzten Tag. Er bereitete daraufhin weitere Geräte vor und telegrafierte an seinen Auftraggeber Bill:
„Joe wieder auf Posten.“. Dann setzte er sich wieder in den Schaukelstuhl und beobachtete den Sonnenuntergang. Er schlief ein und träumte von einer Wohlhabenden Stadt welcher ein Sonnenuntergang zum Wachstum verhalf.