(Irgendwie ist die Formatierung verloren gegangen, alle Gedanken waren kursiv geschrieben… )

Fluch im Spiegel

“Aber das kann doch nicht sein!” “Wenn ich’s Ihnen doch sage!” Die beiden Bediensteten standen ratlos vor der halb geöffneten Tapetentür in den Privatgemächern Heinrichs, Fürst von Anglitien. “Er ist vor zwei Stunden hinein gegangen und seither nicht mehr herausgekommen! Ich habe einen Pagen hier gelassen, der Bursche ist zuverlässig!” Dem Lakai kam die Sache nicht geheuer vor. “Und er ist nicht wieder herausgekommen?” Die Hausdame rollte entnervt mit den Augen. “Nein! Keine Schritte, keine Geräusche, nichts! Wie - verschluckt!” Die beiden starrten ratlos in die Schwärze hinter der Tür. Die Hausdame zupfte nervös an ihrem Rock herum. Der ältliche Lakai überlegte und zuckte dann mit den Schultern. “Schicken Sie den Pagen Seine Durchlaucht suchen. Ich lasse inzwischen das Abendessen vorbereiten. Wenn er wiederkommt, wird er hungrig sein.” Die Hausdame nickte erleichtert.

Wenig später tappte ein junger Mann ins Dunkle hinein, nur mit einem Kerzenleuchter ausgestattet. Die Tapetentür fiel hinter ihm ins Schloß. Er mochte Seine Durchlaucht - sie waren beinahe im gleichen Alter, waren zusammen im Schloß aufgewachsen, und er hatte es ihm zu verdanken, daß er als ehemaliger Küchenjunge Page am Hof geworden war. Sie verstanden sich blind - es war, als würden sie gegenseitig ihre Gedanken lesen. Oft genügte ein Blick, eine Bewegung der Augen, ein Räuspern und der andere wußte sofort, was gemeint war. Der junge Page hatte nie verstanden, warum dies so war, aber da es schon immer so gewesen war, hatte er aufgehört, sich darüber zu wundern. Manchmal schien es ihm, daß er den jungen Fürsten schon länger kannte als er denken konnte, über viele Jahrhunderte und viele Leben hinweg, aber dann verwarf er den Gedanken als zu unchristlich. Der Priester würde ihn dafür tadeln. Er seufzte. Hinter dieser Tür war er noch nie gewesen. Er hatte sie gar nicht gekannt, sie war so geschickt in eines der prachtvollen Wandgemälde eingefügt, daß man sie in geschlossenem Zustand kaum bemerkte.

Als er den Kerzenleuchter anhob, stockte ihm der Atem. Glänzend und geheimnisvoll schimmernd blickte ihm aus einer trüben Oberfläche ein junger Mann entgegen. Er hatte wie er schwarzes schulterlanges Haar und trug die rot-gelbe Uniform eines fürstlichen Dieners. Der junge Mann brauchte einen Moment, um zu begreifen, daß es sein Spiegelbild war. Erschrocken sah er sich um. Das flackernde Kerzenlicht wurde von tausenden matten Spiegelflächen zurückgeworfen, sein Gesicht sah ihn von allen Seiten her an. Ein Spiegelkabinett! So wie sie es in Frankreich haben! Er hat mir gar nichts davon erzählt… Der Page überlegte. Vielleicht kannte er es selbst nicht. Die Dunkelheit und seine vielen Gesichter, die sich wabernd auf den trüben Spiegelgläsern bewegten, machten ihm Angst. Er wagte nicht, nach dem jungen Fürsten zu rufen. Bringen wir’s hinter uns. Entschlossen straffte er seine schlanke Gestalt und trat zwischen zwei mannshohen Spiegeln in das Labyrinth ein.

Durchlaucht? Wo seid Ihr nur! Sein Atem ging schneller, während er durch die engen Gänge aus trüben Spiegeln schritt. Die Dunkelheit war vor und hinter ihm und nach einer Weile wurde ihm bewußt, daß er Angst hatte, sich umzudrehen. Wovor habe ich nur solche Angst? Es ist nur ein dummes Labyrinth. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn und er merkte es nicht. Er streckte seine Fühler aus, spürte, ob er die Präsenz des jungen Fürsten fühlen konnte wie schon zuvor, wenn er spürte, wann er von der Jagd zurückkommen würde oder wenn er ihn abends auf dem Korridor traf, wenn beide nicht schlafen konnten und wieder einen Alptraum gehabt hatten. Er ist hier. Ich kann ihn spüren. Es geht ihm nicht gut, er fürchtet sich auch. Plötzlich traten Bilder vor sein inneres Auge und er blieb stehen und holte tief Atem. Die Spiegel… das Kerzenlicht… der junge Fürst… War er nicht schon einmal hier gewesen? In einem der Träume, aus denen er aufschreckte und an die er sich dann nicht mehr erinnern konnte? Der Page schloß für einen Moment die Augen und sah den Fürsten in einer Ecke aus Spiegeln auf dem Boden kauern. Es war so still, daß er das Blut in seinen Ohren rauschen hören konnte. Der dunkelrote weiche Teppich unter seinen Füßen schluckte jedes Geräusch. Ich muß ihn finden, er muß hier im Labyrinth sein. Sicher hat er sich verirrt…

Als er die Augen wieder öffnete, stockte ihm das Herz. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte er, eine Bewegung im Spiegel vor ihm gesehen zu haben. Eine Bewegung, die nicht von ihm stammte - denn er stand ganz still, - sondern die ohne ihn im Spiegel geschah. Das war wirklich. Ich hab’s gesehen. Gott, steh mir bei! Der junge Mann strich sein schweißnasses Haar aus der Stirn, holte tief Luft und ging weiter. Lautlos murmelnd bewegten sich seine Lippen. Er betete. Dieser verfluchte Ort ist viel zu groß… So weit, wie ich jetzt gelaufen bin, müßte ich schon vor einer ganzen Weile durch die Schloßmauer gegangen sein. Hoffentlich geht es ihm gut. Hoffentlich finde ich ihn bald.

Als er ihn tatsächlich auf dem Boden sitzend fand, so wie er ihn zuvor gesehen hatte, atmete er erleichtert auf. Der junge Fürst war in seinen prächtigen Morgenmantel gekleidet und zitterte am ganzen Körper. Sein helles Haar war, der Mode entsprechend, in einen Zopf gebunden, doch jetzt hing es ihm wirr in die Stirn. Er hielt mit beiden Händen seinen Kopf fest, als hätte er Angst, er würde ihm verloren gehen. Als er zögernd aufblickte, sah der Page, daß seine Augen dunkel und panikerfüllt waren. “Geh weg!” stieß er heiser hervor. Der Page schluckte und hielt den Kerzenleuchter tiefer. “Ich bin es, Euer Durchlaucht.” murmelte er und sah ihm ruhig und fest in die Augen, wie damals, nach dem Reitunfall, als er ihn im Winter im Wald gefunden hatte. Damals hatte es geholfen. Oh, diese ständigen Unglücke! Eine Wandlung ging mit dem jungen Fürsten vor. Langsam ließ das Zittern nach und seine Augen verloren ihren wirren Glanz. “Du? Friedrich? Du bist es wirklich! Wie hast Du mich gefunden?” Er raffte sich mühsam und mit bebenden Beinen auf, sein Page stütze ihn, damit er nicht fiel. “Friedrich, wir müssen fort von hier. Schnell. Bevor sie zurückkommen…”

Der Junge fragte nicht nach. Er begann halblaut zu beten und die beiden taumelten durch die matten Spiegel zurück in Richtung Tapetentür. Die Kerzen waren schon weit heruntergebrannt, eine war bereits erloschen. Keiner von beiden sprach. Es war auch nicht nötig. Sie verstanden auch so. Heilige Maria Mutter Gottes… Laß mich den Ausgang wiederfinden… Bewahre uns vor dem Bösen… Die beiden Freunde versuchten, nur auf den Boden vor ihnen zu sehen, während sie gingen. In den Spiegeln rechts und links von ihnen tobte es. Je tiefer die Kerzen brannten, desto mehr Schatten kamen aus der Welt in den trüben Spiegeln, nur getrennt durch das Spiegelglas von den stolpernden jungen Männern. Wie durch riesige Fenster fauchte sie das namenlose Grauen an, starrten blinde Augen und tropfte Geifer von schiefen Zähnen. In der Welt in den Spiegeln brach die Hölle los.

Die beiden Männer rannten, flohen keuchend vor den Schrecken der Dunkelheit, während der ältere inbrünstig betete und den Kerzenleuchter mit dem verbliebenen Licht wie einen schützenden Schild vor sich hielt. Dort war die Tapetentür! Er riß sie auf, zerrte den Fürsten hindurch und sah, einen Bruchteil, bevor er sie mit aller Kraft ins Schloß warf, wie die Schatten die Spiegel verlassen hatten und auf die Tür zuschossen. Der Schlüssel steckte noch. Hastig verriegelte er die Tür hinter sich und wartete auf den Aufprall. Hinter der Tür war es totenstill. Die beiden sahen sich an. Auf dem Kronleuchter verlosch soeben der letzte Kerzenstummel, ein dünner Rauchfaden stieg auf.

Vor dem Schloß ging die Sonne auf. Ihre rotgoldenen Strahlen fielen durch die hohen Fenster des Salons herein, das erste Vogelzwitschern war aus dem Garten zu hören und mischte sich mit dem friedlichen Schnarchen des alten Lakais, der Wache haltend auf einem der Sessel eingeschlafen war. Der junge Fürst atmete tief durch und sammelte sich, so gut es ging. Dann weckte er den Alten. “Johann! Lassen Sie das Schloß räumen. Sofort. Wir ziehen zu meiner Schwester nach Landshaupten. Schicken Sie ihr als erstes einen Boten. Vor der Dämmerung sind wir alle bei ihr. Alle, auch die Tiere. Kein lebendiges Wesen wird dieses Schloß mehr betreten. Haben Sie mich verstanden?” Der Diener wollte protestieren, doch der Ausdruck in den Augen des jungen Mannes und das Entsetzen in seiner Stimme brachte ihn zum Schweigen. Stumm machte er sich an die Arbeit.

So kam es, daß der Familiensitz derer von Anglitien verlassen und seither nicht mehr bewohnt wurde. Die Dörfler erzählen sich Geschichten von Schatten, die aus der Tiefe des Gebäudes heraufkommen und dort nachts ihr Unwesen treiben, doch bisher hat sich noch keiner wieder in die Nähe des Schlosses getraut. Der junge Fürst jedoch und sein Gefolge blieb im Jagdschloß seiner älteren Schwester, wo auch die Alpträume und Unfälle verschwanden, und kehrte nie wieder zurück.