Lieber wäre mir zwar, noch ein paar Tage an dieser Kurzgeschichte herumzuändern. Aber ich trau mich mal.


Genug! Ich wache auf!
Sie krallte ihre Finger so hart in die abgenutzten Kunststoff der Armlehnen, dass sie Kerben hinterließ. Normalerweise sollte der Computer die Codephrase erkennen und die Wecksequenz einleiten. Normalerweise sollte sie von ganz alleine aufwachen. Ihr Unterbewusstsein war nach Dutzenden von Traumsitzungen konditioniert.
Aber nichts änderte sich. Die Monitore zeigten immer noch die gleiche Erde. Aber nicht die vertraute, tröstliche Ansicht ihres blauen Planeten. Statt dessen herrschte Dunkelheit, wo eigentlich Lichtermeere leuchten sollten. Aschewolken verhüllten die Tagseite über weiten Gebieten. Aus einem Lautsprecher kreischten Interferenzen, während Matt weiter nach einem sendenden Kanal suchte.
Ihre anderen Kollegen saßen wie sie - paralysiert. Starrten auf den Tisch, die Monitore, Matts Hände, die mit den Knöpfen herumfummelten.
Das konnte nur ein Albtraum sein. Sie hatte die Kontrolle über die Traumsitzung verloren. Wessen? Ihre eigene?
Genug! Ich wache auf!” Unwillkürlich hatte sie laut gesprochen. Alle starrten sie nun an.

Das Gefühl der Panik verstärkte sich. Warum ich?
Nach Worten angelnd stieß sie as erste hervor, was ihr in den Sinn kam. "Wie konte das passieren?"
Wenn möglich, verstärkte sich die düstere Stimmung noch.
“Wir haben keinen Zugriff auf militärische oder andere gesicherte Kanäle. Die offiziellen zivilen Sender meldetn nichts. Es lief das normale Programm und dann… Es ging alles sehr schnell.” Matt schaute wieder auf die Konsole, an der er herumwerkte.
"Es reicht ein Terrorakt, ein Trigger von bestimmte Parametern und die militärischen AIs hätten automatisch einen Gegenschlag ausgelöst.
“Wir haben in den letzten Jahren zuviel Verantwortung an die AIs gegeben, auch militärische und andere lebenswichtige Systeme, ohne dass sie wirklich schon einen Langzeittest unterzogen worden sind.”
“AIs?!” Das schrille Lachen schnitt durch die Kabine. “Deine Lieblingsverschwörungstheorie. Den AIs kann nicht getraut werden. Als ob der Westen nicht genug Paranoia hatte, um gegen uns loszuschlagen.” Sanfte, immer lächelnde Yi-Min schrie wie eine Furie. Tränen liefen ihr über das Gesicht.
Matt starrte sie an. "Wir? Woher willst du wissen, dass es nicht deine Leute waren?"
Yi-Min warf sich auf ihn. Dayo und Jirka sprangen auf, packten beide um sie zurückzuhalten. Alle redeten durcheinander.
Die Geräuschkakaphonie wurde zu einem grauen Rauschen, das schmerzhaft auf sie einpresste bis sie dachte, ihr zerspringe der Kopf. Sie schwankte im Sessel.
Sie hatte es schlimmer gemacht. Das waren ihre Freunde und nun - Feinde?
Das war ein Traum, oder nicht? We das ein Albtraum war, fiel ihr der Job einer Intervention zu.
Wessen Traum war das? Matts, Yi-Mins? Oder ihr eigener? Der letzte Gedanke war wie ein Stich.
Letztendlich war es egal. Der Trick war immer, den Traum zu lenken statt selbst gelenkt zu werden, und dem Unterbewusstsein einen Schubs in die richtige Richtung zu geben.
“Wie stehe die Chancen?” Sie schwenkte die Hand hin und her um Aufmerksamkeit zu erlangen.
Sie fand kein Gehör. Sie wiederholte die Frage, lauter.
Es war wie ein Deja vu als die anderen sie wieder anstarrten. Bis auf Yi-Min und Matt, die mit ihren Blicken immer noch ein Duell auf Leben und Tod austrugen.
“Das da unten jemand überlebt hat? Keine Ahnung. Erst müssen die Interferenzen abklingen. Die Chancen…”
"Nein, nicht deren. Unsere Chancen. Die - " Formuliere immer positiv. "Raumstation ist autark. Stimmt’s?"
Dayo schaute nachdenklich. “Sie war nie dazu gedacht, vollkommen unabhängig zu sein. Die regelmäßigen Versorgungsflüge…“
Sie deutete auf sei T-Shirt. “Never tell me the odds…” Komm schon, Meisterprognostiker, find mir eine perfekte Zukunft.”
“Die Station war ausgelegt worden, mindestend ein Vierteljahr auf sich allein gestellt überleben zu können.” Matt wandte sich von Yi-Min ab. Als Teil der ursprünglichen Besatzung musste er es wissen. “Wir haben gerade unsere Vorräte aufgefüllt bekommen.”
“Das war zuvor. Wir sind erheblich mehr Leute an Bord.” Yi-Min widersprach, aber es war nicht mehr die Hitze des Zorns dahinter.
“Dafür haben wir das Biotop-Modul dazu bekommen.” Jirka meldete sich zu Wort. Mit ein wenig Vorlaufzeit kann ich die Nahrungsproduktion ud Sauerstoffkapazität deutlich steigern.”
“OK, irgenwo muss noch der Notfallplan von damals herumliegen, falls der Versorgungsweg zur Erde uterbrochen ist. Fangen wir damit an.”

Die aggressive, verzweifelungsgetränkte Atmosphäre wechselte zu dem tröstlich vertrautem Bild von Leuten, die nach Lösugen suchten.
Das Rauschen in ihre Ohren verklang ud sie sackte erleichtert in ihrem Sessel zusammen. Der Overall klebte auf ihrer Haut und der saure Geruch von Stressschweiß stach ihr in die Nase.
Die Temperamente würden in den nächsten Tagen sicherlich wieder durchgehen. Yi-Mins Ausbruch war nur die Spitze des Eisbergs. Viel Arbeit wartete auf sie, das war nichts Neues. Intervention geglückt.
Testweise schloss sie die Augen und fokussierte. Genug! Ich wache auf! Nichts passierte.