Tür an Tür

Ihr Atem kitzelte ihn, als sie zärtliche Worte in sein Ohr flüsterte. Ihm den Himmel auf Erden versprach, immerwährende Liebe predigte, ihre Fingernägel vorsichtig über seinen Nacken strichen und ein angenehmes Kribbeln hinterließen.

In diesem Moment dachte er an alles, was sie miteinander erlebt hatten. An die winzigen Momente puren Glücks, die nur ihm und ihr gehörten.

Dieser Moment, damals, als sie mit ihren Eltern in das Haus neben seinem gezogen war. Wie sie erstmals vor ihm stand, gekleidet in kurze Hosen und ein enges Top. Ein Versprechen nach mehr.

Ihr langes Haar, das ihr in sanften Wellen über die Schultern gefallen war. Grüne Augen, die unter ihrem Pony abenteuerlustig aufblitzten.
Und er hatte es versaut!

Außer einem unbeholfenen Stammeln hatte er kein Wort über die Lippen gebracht, während sie sich so souverän vorgestellt hatte.

Alena! Allein ihr Name war Musik. Poesie. Ein Versprechen an ihn.

Lange wohnten sie so. Tür an Tür, ohne je miteinander zu sprechen. Sie besuchte die gleiche Schule wie er. Einen Jahrgang über ihm, ohne je Notiz zu nehmen. Er war nur ihr Nachbar. Ein dummer, kleiner Junge, ihrer nicht würdig.

Bis zu diesem einen Abend. Noch heute erinnerte er sich daran, als wäre es erst gestern gewesen. Alena hatte auf der Mauer ihres Vorgartens gesessen. Mitten im Regen. Das Haar war ihr klatschnass in die Stirn gefallen und sie hatte am ganzen Körper gezittert.

Da hatte er all seinen Mut zusammen genommen. Hatte sich neben sie gestellt und seinen Schirm über ihren Kopf gehoben. Sie vor dem Regen geschützt, egal, ob er dabei selbst nass geworden war.

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„Danke“, wispert sie und sieht zu ihm auf. Ihr Blick wirkt verloren. Einsam.

„Warum gehst du nicht rein?“, fragt er und setzt sich neben sie. Hält immer noch den Schirm, um sie vor der Nässe zu schützen.

„Ich habe meinen Schlüssel vergessen“, gibt sie zu. „Bei meinem Freund … Ex-Freund.“

Erneut zittert sie und er fragt sich, ob es wirklich der Kälte geschuldet ist, oder ob sie gar weinte. Sein Herz krampft sich zusammen. Ihr Schmerz presst ihm den Atem aus den Lungen.

„Willst du … also … dann … komm doch mit zu uns“, schlägt er vor und deutet auf den Eingang nur zweihundert Meter weiter. „Deine Eltern kommen sicher bald wieder.“

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Alena war ihm gefolgt. Hatte sich bei einem Kakao aufgewärmt und sogar ein Shirt und eine Shorts von ihm akzeptiert. Trotzdem wirkte sie an dem Abend damals vollkommen zerstört. Nur dunkel hatte er sich an ihren Ex-Freund erinnern können. Ein Junge aus der Zwölften. Mit Tattoos und Piercings, ständig gekleidet in zerrissene Jeans und Lederjacken. Dieser Kerl war Welten von ihm entfernt und es zerfetzte ihm das Herz. Bei Alena hatte er niemals eine Chance.

Doch das Leben hatte andere Pläne. Es hatte immer andere Pläne.

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„Danke, dass du noch zu mir hältst“, flüstert sie, als sie eines Abends wieder in seinem Zimmer sitzt. Sie haben die letzten Wochen viel geredet. Vor allem, nachdem Alena plötzlich allein dastand. Ohne Freund, ohne Freundinnen.

„Es ist nicht schwer zu erraten, dass all die Gerüchte nicht stimmen.“ Er zuckt mit den Schultern.

„Und wenn sie doch wahr sind, Lukas?“, fragt sie. Ihre Augen schimmern noch immer nicht im alten Glanz, aber unter all der Unsicherheit und all dem Schmerz, kann man die Abenteuerlust bereits wieder erahnen.

„Dann sind sie eben wahr, oder auch nicht. Es macht keinen Unterschied, ich mag dich. Jeder macht mal Fehler.“ Das stimmt nicht. Sollten die Gerüchte wirklich wahr sein, sollte sie sich wirklich jemals so verhalten haben, dann macht es doch einen Unterschied. Nur will er sich das nicht eingestehen.

Jetzt, als sie endlich hier sitzt, in seinem Zimmer und er die letzte Person auf der Welt ist, die noch zu ihr hält, will Lukas es nicht kaputt machen und er will einfach nicht glauben, dass sie – seine Alena – mit jedem Jungen ins Bett geht, der ihr in die Fänge gerät. So ist sie nicht, konnte sie nicht sein.

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Dieser Abend lag nun weit zurück. Wie all die anderen Abende auch. Die Zeiten, in denen sie nur befreundet gewesen waren. Filme auf seiner Couch gesehen und sich dabei mit Popcorn beworfen hatten.

Irgendwann war es dann passiert. Der erste Kuss. Ein Feuerwerk. Zu unglaublich, um wahr zu sein. Ihr Körper so nah an seinem eigenen. Seine Hände auf ihrer weichen Haut. Ihr Duft, der ihn umfangen hatte und diese herzförmigen Lippen, die so perfekt auf seinen lagen.

Alena und er. Das war Schicksal. Vom ersten Moment an.

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„Ich liebe dich.“ Sie lacht, schlingt ihre Arme um ihn. „Ich liebe, liebe, liebe dich!“

Lukas grinst, drückt sie noch enger an sich. Kostet den Moment puren Glücks voll aus und versucht, sich jede Sekunde einzuprägen. Den Ausdruck in ihrem Gesicht, die Worte, ihre Stimme, ihren Duft. Das alles will er festhalten.

Eine Momentaufnahme, eingeschlossen in seinem Herzen – für immer.

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Lukas öffnete die Augen. Ihr Atem kitzelte nicht mehr. Nur der Wind, der in dieser Nacht durch die Bäume strich. Ihre Worte verstummten. Es war nur das Rauschen der Blätter, das ihn verhöhnte, sich über ihn lustig machte. Das Kribbeln in seinem Nacken verschwand. Nur eine Gänsehaut, weil die Luft sich abgekühlte hatte.

Er sah hoch zu ihrem Fenster. Das Licht brannte nicht mehr. Sie war zu Bett gegangen. Träumte sicher schon. Von all den Partys, auf die sie ging und all den Jungs, die sie um den Finger wickelte.

Alena gehörte nicht ihm. Hatte sie nie, würde sie nie.

Nur in diesen dunklen Nächten, wenn er Heim kam und vor ihrem Haus hielt, erlaubte er sich, für kurze Zeit in diesem Wunschtraum zu verweilen und sich vorzustellen, Alena wäre sein.

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Seit langem mein erster Text, der so stark auf eine Wortzahl limitiert ist. Leicht ist es mir deshalb nicht gefallen, aber die Aufgabe musste ich einfach mitnehmen. :)

Ich hoffe, Schreibratte verzeiht mir, dass ich ihre Art der Formatierung mit dem Punkt mal kurz auch für meinen Text übernommen habe. xD