Kleine Vorrede: Diese Geschichte habe ich am letzten Tag der Aufgabe vollkommen ahnungs- und plotlos geschrieben. Das merkt man auch. xD
Ich hoffe, es ist wenigstens ein bisschen lustig. Mit dem Ende bin ich nicht zufrieden. ;)


Akteure:

Sherlock Holmes. Consulting Detective aus London. Er missachtet gerne Vorschriften, hat eine erstaunliche Auffassungsaufgabe und geht nicht gerne emotionale Verbindungen ein.

Patrick Jane, „The Mentalist“. Nach der Ermordung seiner Familie beendete er seine Arbeit als betrügerisches Medium und unterstützte fortan das California Bureau of Investigation. Er missachtet gerne Vorschriften, hat eine erstaunliche Auffassungsaufgabe und geht nicht gerne emotionale Verbindungen ein.

Henry Morgan, „Forever“. Gerichtsmediziner, derzeit wohnhaft in New York. Vor 200 Jahren auf einem Sklavenschiff erschossen und seitdem unsterblich. Er nutzt diesen Umstand, um den Tod in all seinen Einzelheiten zu erforschen. Er missachtet gerne Vorschriften, hat eine erstaunliche Auffassungsaufgabe und geht nicht gerne emotionale Verbindungen ein.

Cal Lightman, „Lie to me“. Anthropologe aus Washington D.C., der hauptberuflich Lügen für alle möglichen Behörden enttarnt. Er kann Mikroausdrücke in Sekundenschnelle deuten, missachtet gerne Vorschriften, hat eine erstaunliche Auffassungsaufgabe und geht nicht gerne emotionale Verbindungen ein.

Vier Soziopathen also.


Schlaue Köpfe vergleichen sich gerne mit anderen. Sei es, um die eigene Schlauheit unter Beweis zu stellen, oder um … nein, einen anderen Grund gibt es eher selten.
So ist es nicht verwunderlich, dass jedes Jahr im März die Sherlock-Holmes-Tagung in London erfolgt, bei der sich führende und kluge Köpfe treffen, um diese zusammenzustecken. Gemeinsam wollen sie globale Probleme lösen, welche vor allem die Politik vor große Probleme stellt. Aber auch international gesuchte Verbrecher stehen im Fokus.
Es ist Montag, zwei Tage vor Tagungsbeginn. Im gläsernen Foyer des Holmes Memorial Center herrscht bereits reges Treiben. Cal Lightman zerrt einen Rollkoffer hinter sich her und lugt immer wieder über seine schwarze Sonnenbrille. Seine Gangart wird von den Umstehenden als etwas buckelig und ausfallend wahrgenommen, doch die meisten haben den Anstand, nicht weiter darauf zu achten. Hinter den runden Empfangsschaltern warten sechszehn Aufzüge, von denen zwölf außer Betrieb sind. Ungeduldig stellt sich Cal Lightman in eine lange Schlange vor dem Aufzug mit der leuchtenden Nummer 11. Er hat zwar Zeit, aber keine Geduld. Noch im Flugzeug hat ihn ein dunkelgrauer Briefumschlag erreicht, der ihn über seine Nominierung für den begehrten Holmes-Award informierte. Verdammt, und sein schickes Jackett lag noch in Washington! Auf der Tagung selbst war es egal, wie man aussah – die übrigen scherten sich meist wenig um Äußerlichkeiten – aber die Preisverleihung war mit einem glamurösen Pressefoto verbunden. Der Lügenexperte hoffte inständig, dass es noch andere kluge Nominierte gab.
Die Schlange rückte etwas voran, die vorderen Anzugträger zwängten sich in den Aufzug und die Türen schlossen sich quälend langsam. Cal beobachtete, wie der blonde Lockenkopf des berühmten Patrick Jane zwischen den Türen aufblitzte. Verwirrt lehnte Cal sich aus der Schlange, doch da waren die Türen schon zu.
Es dauerte eine Viertelstunde, bis Cal Lightman endlich im zwanzigsten Stockwerk ankam. Auf langen Fluren mit samtrotem Teppich begab er sich auf die Suche nach dem Zimmer mit der Nummer 221B, was er für einen schlechten Scherz hielt. Immerhin war es wahrscheinlicher zu finden als das Gleis 9¾. Nachdem er einige Runden im Kreis gelaufen war, blieb er entnervt vor einem Feuerrettungsplan stehen. Natürlich enthielt er keine Raumnummern.
»Man braucht die nicht für Brandfälle, man braucht die zu Orientierung«, grummelte er missmutig.
»Entschuldigung, darf ich mal?«
Ein Mann mit starkem britischen Akzent drängelte sich neben Cal, um ebenfalls einen Blick auf den Plan zu werfen. Er hatte braunes, leicht gelocktes Haar und ein schelmisches Grinsen. Die Lachgrübchen waren vermutlich dafür gemacht, Frauen den Verstand zu rauben.
Cal musterte den Mann und seine Grübchen eingehend. Letztere fand er aus wissenschaftlicher Sicht besonders faszinierend.
»Hm, das ist wenig hilfreich«, murmelte der Fremde und wandte sich nun zu Cal. Dessen kritischer Blick ließ ihn kurz zurückfahren.
»Wissen Sie zufällig, wo Raum 221B liegt?«, wollte er etwas entrückt wissen.
»Soll das ein Witz sein?«
»Ähm, nun … das habe ich zunächst auch vermutet, aber offenbar soll es den Raum geben.«
»Das meine ich doch nicht. Ich kann nur nicht glauben, dass jemand wie Sie für den Sherlock-Award nominiert wurde.«
Der Fremde strahlte etwas breiter und unterdrückte einen Kommentar über die Auffassungsaufgabe seines Gegenübers.
»Mein Name ist Henry Morgan.« Er streckte Cal Lightman seine Hand entgegen, dieser erwiderte sie flüchtig. »Und ja, ich bin nominiert. Sie auch?«
»Sie haben einen ganz schönen Jetlag«, bemerkte Cal, ohne auf seine Frage einzugehen oder sich vorzustellen. Henry blinzelte häufig, außerdem lagen unter seinen Augen dunkle Schatten.
»Gut erkannt«, antwortete dieser genervt.
»Sie sind vermutlich nicht aus dem Umland angereist, selbst wenn ihr Akzent danach klingt.«
»New York«, meinte Henry, die Arme verschränkend. »Wollen Sie mir hier irgendetwas beweisen? Dann schlage ich vor, dass Sie mir verraten, wo 221B ist.«
»Das weiß ich doch selbst ni—«
»Vielleicht kann ich aushelfen«, meldete sich ein weiterer britischer Akzent.
»Ach, sieh an«, meinte Henry erfreut. »Mister Holmes persönlich!«
Ein Mann, der verblüffende Ähnlichkeit mit Benedict Cumberbatch hatte, trat zu ihnen.
»Wie beschämend, Mister Morgan, Mister Lightman. Sie können nicht einmal den Raum finden, den wir Ihnen genannt haben?«
Beide pressten ihre Lippen aufeinander, selbst Cal Lightman konnte diesen Impuls nicht unterdrücken.
»Ich habe auf dem Flur 221A gefunden«, sagte Cal Lightman grummelnd und nickte in Henrys Richtung. »Und diesen Mann neben mir.«
Henry hob eine Augenbraue, als wollte er sagen, dass es genau andersherum gewesen war.
»Sie werden noch genügend Gelegenheit haben, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen«, meinte Sherlock und vollführte eine einladende Handbewegung. »Kommen Sie.«
Stumm folgten Henry und Cal dem berühmten Detektiv, bis sie erneut vor Raum 221A standen. Abgesehen von seiner ungewöhnlichen Nummer glich er den übrigen Türen auf dem Flur.
»Warum heißt es eigentlich Holmes Memorial Center?«, fragte Henry plötzlich. Wenn die übrigen Anwesenden gewusst hätten, dass er unsterblich war, hätten sie vielleicht gelacht. »Sie leben doch noch.«
Sherlock hielt bereits den Türknauf in der Hand, doch er drehte sich fein lächelnd um und zwinkerte.
»Reichenbachfall.«
Mit diesem Wort öffnete er die Tür und offenbarte ein gewaltiges Zimmer. Als Cal, Henry und Sherlock eintraten, erkannten sie die unzähligen Türen, die dieser helle Raum hatte.
»Ernsthaft? Ich hätte einfach durch jede beliebige Tür gehen können?«, fluchte Cal leise. »Warum sind wir dann ausgerechnet durch diese Tür gekommen?!«
»Wenn Sie alles Unmögliche ausgeschlossen haben, dann ist das, was übrig blei—«
»Lassen Sie das gefälligst, Mister Holmes«, fuhr Cal dazwischen. Eine feine Ader begann an seiner Schläfe zu pochen. Er sah sich ungeduldig um, wobei er sein Körpergewicht immer wieder von einem Bein auf das andere verlagerte. Der Raum hatte Parkettboden und hellen Kurzflorteppich, auf dem dutzende Sitzgrüppchen angeordnet waren. Eine davon war direkt am Fenster zu finden, vor dem sich die Hochhäuser Londons präsentierten. Patrick Jane grüßte, indem er seine türkise Teetasse leicht anhob und nickte. Hinter ihm wartete ein Kellner auf Anweisungen. Die Männer durchquerten den Raum und nahmen auf den cremefarbenem Ledersesseln Platz.
»Dann wären ja alle Nominierten hier«, freute Patrick sich. »Hallo Cal!« Er stand auf, um dem immer noch angesäuerten Anthropologen die Hand zu schütteln. Dann wandte er sich Henry zu.
»Patrick Jane vom CBI«, stellte er sich vor.
»Sehr erfreut. Henry Morgan, FBI.« Er lächelte unschuldig. »Was ist das CBI?«
»Wie das FBI, nur californisch, klein und familiärer.«
»Aha.«
»Ich war mal beim MI6!«, rief Cal unvermittelt, worauf niemand reagierte. Der Kellner – der offenbar doch kein Kellner war – eilte zu einem Bedienfeld, das die Jalousien des Raumes heruntergleiten ließ. Binnen weniger Sekunden war der Raum in undurchdringliche Schwärze gehüllt.
»Wir haben eine kurze Präsentation vorbereitet«, sagte Sherlock knapp.
Dann herrschte Schweigen. Patrick Jane stellte geräuschvoll seine Tasse auf den Untersetzer, Cal Lightman räusperte sich, Sherlock Holmes löste mit einem Rascheln seinen Schal und Henry Morgan schnalzte gespannt mit der Zunge.
»Gibt es Probleme mit dem Beamer?«, wollte Sherlock schließlich wissen. Aus Richtung des Kellners kamen geschäftige Töne und Schritte. Plötzlich zerriss ein Scheppern die Dunkelheit. Der Beamer strahlte plötzlich auf eine Leinwand, die vor einer Reihe aus Türen heruntergelassen worden war. Der Kellner lag bäuchlings davor, seine Finger krampften.
»Ach du meine Güte!«, rief Henry aus. Er war als Erster auf den Beinen und eilte zu der Leinwand, auf der in dunkelblauen Lettern auf weißem Grund die Worte »Holmes Award – Vorbereitungen zur Preisverleihung am 31. März«, prankten.
»Bleiben Sie ruhig, das ist doch bloß ein weiterer Test«, grummelte Cal und lehnte sich süffisant zurück. Er wandte sich Sherlock zu und wollte gerade einen spöttischen Kommentar ablassen, als Cal erstarrte. Der Meisterdetektiv sah aus, als wäre er es, der vom Beamer angestrahlt wurde.
»Ich muss sie enttäuschen«, murmelte er, löste sich aus seinem Sessel und ging zu Henry und dem Kellner herüber.
»Es muss ein Unfall sein«, sagte Patrick ruhig und vermied es, die Leiche zu genau anzusehen. Henry tat unterdessen das genaue Gegenteil, er beugte sich ganz nah heran und kommentierte in beachtlicher Geschwindigkeit die Dinge, die ihm auffielen.
»Er ist definitiv sofort tot gewesen. Kein Blut, kein Schaum vor dem Mund. Es fehlen die Anzeichen für einen koronaren Infarkt, aber es könnte auch ein Hirnschlag sein. Einen Schlaganfall hätte ich dem jungen Mann eher angesehen, würde ich zumindest meinen.«
»Wir sollten Tageslicht hereinlassen«, schlug Cal hervor, um zu verbergen, wie beeindruckt er war.
»Let there be Lightman«, spottete Patrick lächelnd. Endlich schien auch er zu dem Schluss gekommen zu sein, dass er den Kellner näher besehen sollte. »Sind Sie Gerichtsmedizinier, Mister Morgan?«
»In der Tat«, murmelte dieser geschäftig. Es störte ihn, dass Sherlock ihn am liebsten von der Leiche fortgedrängt hätte, um sie selbst zu inspizieren. Der Meisterdetektiv saß ihm geradezu auf der Schulter wie ein zu groß geratener Papagei.
»Ärzte sind bei der Detektivarbeit immer sehr hilfreiche Gefährten«, sagte er gerade. »Also, Doktor Morgan – wie lautet ihre fachkundige Meinung?«
»Sehen Sie mal!«, rief Cal, der neben der Konsole mit den vielen Schaltern und Hebeln stand und gerade die Jalousien hochfahren wollte.
»Das Pult hier ist ein einziges Sicherheitsrisiko!«
Patrick Jane stellte sich neben ihn. »Wie meinen Sie das?«
»Sehen Sie das Glimmen der Tasten? Wenn mich nicht alles täuscht, stehen Sie unter Strom.«
»Dann sollte ich es besser nicht anfassen«, schloss Jane mit einem schelmischen Grinsen. »Soll das hier für den Tod unseres Freundes dort gesorgt haben? Immerhin wissen wir, dass er einige der Hebel betätigt hat.«
Cal und Patrick beugten sich vor, um das unheilvolle, elektrische Sirren zuordnen zu können.
»Hier ist auch ein Totmannschalter für den Beamer«, erklärte Cal fachkundig.
»Interessante Wortwahl«, murmelte Patrick. Der Lügenexperte rollte mit den Augen und ließ sich nicht beirren.
»Ich will damit lediglich sagen, dass er den Schalter bestimmt als letzten betätigt hat.«
»Und dann ist er bis hier herüber gelaufen?«, fragte Sherlock skeptisch. Zwischen der Konsole und der Leinwand lagen gut zwanzig Meter. »Und warum hat er nicht um Hilfe gerufen?«
Nachdenklich musterte er die Leiche. Henry war noch immer darüber gebeugt.
»Vielleicht hat ihm jemand den Mund zugehalten«, vermutete Cal und sprach damit aus, was alle Anwesenden zumindest kurz gedacht hatten: Einer der vier hatte den jungen Mann ermordet.
»Nein«, sagte Henry knapp und ließ den Kopf des Toten sinken. Plötzlich trug der Mediziner weiße Plastikhandschuhe. Sherlock machte sich unterdessen daran, den Raum nach Beweisen abzusuchen.
»Hier steht eine große Frage im Raum, die wir klären sollten«, sagte Patrick entschlossen, wofür er einen zweifelnden Blick von Cal erhielt. Sollte das eine Mentalisten-Nummer werden?
»Und welche?«, fragte er.
»Nun, ob jemand von uns den namenlosen Herrn getötet hat.«
»Ausgeschlossen, das wäre ein absolut sinnloser Mord«, murmelte Sherlock. »Sie kannten den jungen Mann nicht und wären keineswegs so dumm, ausgerechnet in der Gesellschaft von drei klugen Köpfen einen Mord zu begehen.«
»Es kann jemand von außerhalb sein, genügend Türen gibt es hier ja«, spottete Cal.
»Aus Krimis kenne ich immer nur die Geschichte eines Verdächtigen, der mit einem Toten in einem verschlossenen Raum gefunden wird. Das hier ist … nun, das genaue Gegenteil«, meinte Henry nun, sich aufrichtend. »Der Tote ist keines natürlichen Todes gestorben, so viel steht fest. Momentan halte ich diese Konsole für den Auslöser.«
In diesem Moment betätigte Sherlock einen Lichtschalter. Nach und nach erhellten längliche Designer-Neonröhren den Raum.
»Was sagten Sie noch einmal über das fehlende Blut, Doktor Morgan?«, fragte Patrick besorgt. Sein Blick fixierte eine rote Spur, die quer über den Teppich zu einer der Sitzgruppen führte. Cal und er traten näher und entdeckten in den Schatten des niedrigen Tisches einen weiteren Leichnam.
»Sind Sie eigentlich mit Dexter Morgan verwandt?«“, wollte Cal belustigt wissen, doch erneut antwortete ihm niemand.
Sherlock und Henry folgten ebenfalls der Blutspur.
»Das habe ich in der Dunkelheit nicht gesehen«, murmelte Henry. Das meiste Blut war nicht auf den hellen Teppichen, sondern auf dem Parkett zu finden. »Treten Sie mal zur Seite.«
Er wuchtete den Körper auf den Rücken und sah in das Gesicht eines Mittvierzigers, der einen scheußlichen Krawattengeschmack hatte, denn die Farbe Lavendel passte gar nicht zu der Wunde in seiner Brust. Unweit des Körpers fand Henry ein Jagdmesser.
»Hier ist der Todesgrund offensichtlich«, meinte er. »Was ich mich nun frage … wie passt das alles zusammen? «
Sherlock und Patrick warfen sich einen kurzen Blick zu, in denen die Idee aufblitzte, sich für eine Weile in Gedankenpaläste zu verkriechen. Andererseits gab es hier sicherlich noch genügend Beweise, also durchsuchten die vier Ermittler den Raum der überflüssigen Türen. Sie fanden nichts mehr, bis auf Patrick Janes türkise Tasse und Sherlocks Schal.
»Wir haben die Kontrollkonsole als die eine Waffe und das Messer als die andere.« Sherlock hatte eine Hand an sein Kinn gelegt und störte mit seinem lauten Denken die übrigen dabei, selbst ihre Gedanken zu sortieren.
»Jeder normale Mensch hätte einfach die Polizei gerufen«, wisperte Cal verärgert.
»Und dann sind wir alle verdächtig«, sagte Patrick kopfschüttelnd.
»Wollten sie sich gegenseitig töten«, überlegte Henry laut, »oder einen von uns?«
»Das ist es!«, rief Sherlock plötzlich aus. »Doktor Morgan, Sie sind ein Genie! Doktor Lightman, Sie auch!«
Patrick zuckte beleidigt mit den Schultern und holte tief Luft. »Ich glaube, ich weiß jetzt, wer die beiden Männer sind. «
Die übrigen hielten inne. Besonders Sherlock mochte es nicht gerne, wenn sein triumphaler Moment unterbrochen wurde.
»Am Flughafen waren sie in den Nachrichten zu sehen«, erinnerte Patrick sich. »Beide sind Verbrecher, die kürzlich aus dem Gefängnis ausgebrochen sind. «
»Ich kenne sie nicht, also habe ich sie nicht hinter Gitter gebracht«, meinte Sherlock und warf einen Seitenblick auf den vermeintlichen Kellner. »Aber dann würde ich immerhin mit meiner Vermutung richtig liegen: Diese Männer wollten jemanden von uns töten und … nun, sie sind sich dabei offenbar über den Weg gelaufen.«
»Was zum Donner ist denn hier–?«
Eine der dutzenden Türen war aufgegangen, ein Anzugträger von Scotland Yard erschien darin. Ursprünglich war er dafür zuständig gewesen, den Nominierten ihr Verhalten während der Preisverleihung zu erläutern. Nun stand er mit offenem Mund da und starrte auf die Leiche vor der Leinwand, die noch immer angestrahlt würde, als stünde sie auf einer makaberen Bühne im Spotlight.
»Da sind Sie ja endlich«, rief Sherlock aus. »Rufen Sie die Polizei. Ich habe den Fall schon gelöst. Es soll aber alles seine Ordnung haben, nicht wahr?«
»Die, die Aufzüge waren«, stotterte der Anzugträger und stolperte rückwärts aus dem Raum.
»Sie haben den Fall gelöst?«, zischte Cal.
»Genau genommen hat niemand den Fall gelöst«, sagte Patrick belehrend. »Wir haben keinen Tathergang, keine Motive, keine Beweise. Wir haben nichts. Wir wissen nicht einmal, wie der Kellner genau gestorben ist – nichts für ungut, Doktor Morgan.«
Cal, Henry und Sherlock schwiegen betroffen. Niemand von ihnen sprach aus, was sie alle dachten: Sie hatten so verbissen versucht, ihre eigenen Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen, dass sie völlig unstrukturiert und fehlerhaft gearbeitet hatten. Vermutlich hatten sie sogar Beweise gefälscht, und vielleicht waren sie auf eine ihnen unbekannte Weise verantwortlich am Tod dieser Männer.
Es dauerte nicht lange, bis die Polizei eintraf, alle vier befragte und sich über die vier vollkommen widersprüchlichen Versionen aufregte.
Der begehrte »Sherlock Holmes«-Award für herausragende Ermittlungsarbeit wurde in diesem Jahr an keinen der Nominierten vergeben.