Drachenträume

Der Kopf liegt auf den mächtigen Pranken, schuppenbesetzte Nüstern blähen tiefe Atemzüge auf die steinernen Wände, die das Wesen wie ein Gefängnis umgeben.
Die Augen hinter den schweren, geschlossenen Lidern zucken hin und her, rollen heftig in ihren Höhlen. Rahab träumt.
Ihre Träume lassen sie erneut die Freiheit erleben, das friedliche Fliegen in endlosen Himmelsweiten. In ihren Träumen ist sie nicht allein. Tannin ist da, Leviathan, Hydra, Ladon.
»Ich wette, ich bin eher an der Spitze des Zipfelberges«, neckt er, fliegt voraus, die goldenen Schwingen millionenfach reflektiert in den warmen Strahlen der Abendsonne.
»Nicht, flieg nicht weg!«, versucht Rahab zu rufen, doch es ist vergeblich, immer vergeblich.
Ladon hört in ihren Träumen genauso wenig auf sie wie in der Erinnerung, die mit jedem Tag schwächer und schaler wird. Manchmal denkt sie, sie hat sich all das nur eingebildet, dass es nie wirklich andere wie sie gab, dass sie sich das nur eingebildet hat.
Wunschbilder, die ihr helfen sollen, die zähe Ewigkeit der Einsamkeit besser zu ertragen.
Das Atmen wird unruhiger, die Augen sind ruhig, nur die Lider zucken jetzt auf und ab. Rahab ist aufgewacht, wie stets, wenn sie von Ladon geträumt und ihn wieder nicht erreicht hat. Dort, wo er in ihrem Inneren einen warmen und beständigen Platz einnehmen sollte, eine Versicherung, dass er da ist, wenn auch durch hunderte von Flügelschlägen von ihr getrennt, gähnt nur Leere.
Sie weigert sich, die Lider vollständig zu öffnen, sie weiß, dass sie im draußen genauso eine Leere erwartet, wie die in ihrem Inneren.
»Du bist wach«, sagt eine helle Stimme. Eine menschliche Stimme. Die Töne hallen unangenehm in ihren Ohren nach und Rahab schnaubt unwillig. Sie wünschte, die Menschen müssten nicht ständig solchen Lärm verursachen. Sie weiß, dass es solche unter ihnen gibt, die der wahren Kommunikation fähig sind, Telepathie nennen sie es.
»Du bist unhöflich«, sendet Rahab und fügt einen Begriff an, der sich in menschlicher Sprache am ehesten als »Trampel« übersetzen ließe.
Der Mensch, eine Frau, der hellen Stimme nach, reagiert nicht auf die Gedankenwelle. Rahab schnaubt erneut, diesmal seufzend, und öffnet die Augen.
Es ist ein zartes Menschenfräulein, gerade dem ersten Schuppenkleid entwachsen. Ihre Züge sind rund und die Augen so leer, dass Rahab vor Enttäuschung Feuer spucken könnte. Warum schicken sie ihr keinen alten Telepathen, einen, der bereits etwas von der Welt gesehen hat und weiß, wie er mit ihr umzugehen hat?
»Weißt du, wo du bist, Drache?«, fragt das Menschenfräulein und bestätigt erneut, dass sie bislang noch keine Lektion in Höflichkeit erhalten hat. Rahab denkt darüber nach, sie zu unterrichten, doch der Schritt nach vorn wird nicht ganz, wie sie geplant hat. Sie stolpert, ein Klirren, etwas reißt sie zurück. Da ist eine Kette an ihrem Fuß, ein Metall, was stark genug ist, sie zu binden.
Ihr ist nach Fauchen und Feuer zumute, doch Rahab hält sich zurück. Sie ist nicht mehr jung, falls sie es je gewesen ist (die Erinnerungen an Ladon sagen »ja«, aber sie ist sich nicht sicher).
»Was spielt es für eine Rolle, ob ich es weiß oder nicht weiß, und wo ich bin, oder nicht bin.« Sie gibt sich Mühe, die Wörter langsam und einzeln auszusprechen, jede Silbe zu formen und möglichst wenig Zischen hineinfließen zu lassen.
Die Menschenfrau blinzelt, dann hat sie ihre Mimik wieder im Griff. »In der Zitadelle. Das ist der-«
»Innerste Turm der Königlichen Festung, ich weiß«, vervollständigt Rahab. Zudem die am stärksten befestigte, mit den dicksten Mauern und den tiefsten Kerkern. Es ist kein Zufall, dass man sie hergebracht hat. Sie mag die letzte sein, aber die Menschen fürchten sie und ihresgleichen noch immer, selbst wenn sie immer weniger Grund dazu haben.
»Du bist ein Gefangener.«
»Die«, korrigiert Rahab.
»Bitte?« Die Menschenfrau wirkt aus dem Konzept gebracht, dann nickt sie. »Gefangene, wenn du das bevorzugst.«
»Danke.« Die trockene Ironie in Rahabs Stimme verhallt ungehört. Die Menschenfrau tritt vor, verschränkt die Arme, taxiert genau den Boden zwischen sich und ihrer Gefangenen, dann blickt sie wieder auf.
»Du stirbst«, teilt sie ihr mit.
»Erzähl mir etwas Neues, Menschlein.« Rahab schnaubt und lässt ihre Lider zufallen. Vielleicht, wenn sie Glück hat, lässt der Mensch sie in Ruhe und sie kann noch eine Weile von Ladon träumen, ihm und ihren anderen Gefährten.
»Ja, aber du stirbst als Gefangene. Hinter dicken Mauern. Du vermoderst vermutlich schon bevor du tot bist.« Die Frau wippt mit dem Fuß. »Ich möchte dir ein Angebot machen.«
Was kannst du mir schon zu bieten haben?, denkt Rahab. Es gibt nichts, was diese Welt ihr noch geben kann. Das einzige, wovon sie noch träumt, ist unmöglich geworden, mit Ladons Tod, und danach dem Unglück, das Tannin und Hydra in eine Million Lichtfunken verwandelt hat, die mit dem Sonnenuntergang hinunter auf die Erde regneten.
Doch statt einer harschen Antwort spielt sie mit. Die wichtigere Frage ist: »Was kannst du von einem sterbenden Drachen wollen, ignara
»Mein Name ist Kaoleigh«, sagt die Menschenfrau und beweist damit den abfälligen Spitznamen, den Rahab ihr verpasst hat. »Ich will dir eine Möglichkeit bieten, dass es nicht alles umsonst war. Dass mit dir nicht stirbt, was-« Sie verstummt.
Was mich ausgemacht hat, vervollständigt Rahab in Gedanken. Das, was jeden Drachen ausmacht. Das Almaspirita, die Magie einer Drachenseele.
»Warum bei den ewigen Flammen sollte ich das tun?« Jetzt wünscht Rahab sich, sie könnte die Geräusche ausstoßen, die die Menschen Lachen nennen. Es gibt so viele Nuancen dieses bestimmten Lärms, die sie im Laufe ihres langen Lebens gelernt hat. Ein beißendes Lachen wäre jetzt angebracht, kehlig und rau.
Kaoleigh tritt zur Tür, die Rahab erst jetzt auffällt, dunkles Holz in dunklem Stein, für matte Drachenaugen kaum sichtbar. Sie macht jemandem ein Zeichen, der draußen wartet. Schwere Schritte erklingen, dann öffnet sich die Tür ganz. Zwei Soldaten tragen etwas herein, nein, jemanden.
Die Frau auf der Bahre sieht aus, wie Rahab sich fühlt. Leblos, geschlagen, beraubt von allem, was sie einst ausgemacht hat. Obwohl ihr Lebensfunken derart schwach ist, fühlt sie doch etwas, was eine Seite in ihr zum Klingen bringt. Eine längst vergessene Verbindung. Der Verstand der Reglosen mag weit fort sein, doch selbst in ihren Träumen ist sie Rahab näher als jene Zoticona Kaoleigh.
»Sie ist …«
»Telepathin, ja.« Auf einen weiteren Wink von Kaoleigh verschwinden die Soldaten wieder und schließen die Tür hinter sich. »Außerdem beherrscht sie das Feuer. Eine der stärksten Magierinnen der Königslande.«
Wenn sie so stark ist, könnte Rahab fragen, warum habt ihr sie dann gebrochen? Denn genau das ist mit der Frau geschehen. Rote Male an ihrem Hals und den Handgelenken sprechen von Folter und anderen Qualen. Die Frau ist fort, geflohen vor dem, was sie in der Realität noch erwartet. Rahab kann es ihr nicht verübeln.
»Du kannst sie retten«, wagt Kaoleigh sich vor. »Du kannst ihr und anderen geben, was du nicht mehr brauchst.«
»Noch einmal. Warum sollte ich das tun?« Je länger das ganze dauert, desto stärker wird in Rahab die Gewissheit, dass sie nur noch einen Wunsch hat: Sterben und vergessen. Sie kann nicht hoffen, dass sie in eine Anderswelt gerät, in der sie Ladon und die anderen noch einmal wiedersehen kann, nicht bei der Art, wie ihre Gefährten ums Leben gekommen sind.
Andererseits hat sie daher auch nichts zu verlieren, wenn sie auf ihr Alma verzichtet und es jener Telepathin schenkt.
»Etwas von dir wird bleiben, wenn du schon lange nicht mehr bist. Es wird nicht verloren gehen, darauf werden wir aufpassen.« Kaoleigh redet leise. Rahab müsste sich anstrengen, sie zu verstehen, wenn die Gier der Frau nicht so laut im Raum schwingen würde, dass sie Worte überflüssig macht.
Sie sagt »wir«, obwohl sie doch nie in der Lage sein wird, ein Stück vom Alma zu empfangen. Sie sagt »aufpassen«, obwohl sie von einer der stärksten Magierinnen der Menschenrasse redet. Sie sagt von »von dir«, obwohl sie nichts von Rahab will, weder ihre Erfahrungen, noch ihre Sehnsucht, noch ihre Träume. Sie will nur die Macht, will sie kontrollieren, dirigieren, beherrschen.
»Wenn du das tust, dann kommst du hier heraus«, versucht Kaoleigh zu locken. »Wir lassen dich heraus und du kannst ein letztes Mal fliegen.«
Rahab mustert die Wände, die unscheinbare Tür, die Kette an ihrem Fuß. Es ist ihr ein Rätsel, wie man sie hineinbekommen hat, doch ganz sicher hat man nicht dafür geplant, sie noch einmal hinauszulassen.
Nein, Kaoleigh lügt, das hier ist ihr Ende. Rahab hat es längst akzeptiert.
Nur die Träume, die sind noch da.
»Ich mache es«, verspricht sie.
Kaoleigh lässt die Arme sinken, tritt näher, wieder zurück, ein hektischer Tanz, der von kaum unterdrückter Aufregung und Neugier spricht. »Brauchst du etwas? Wie lange dauert es? Soll ich die anderen holen lassen?«, sprudelt es aus ihr heraus.
Rahab streckt den Hals und lässt ihren Kopf auf die Brust der reglosen Telepathin sinken. »Nicht lange. Stör jetzt nicht mehr«, weist sie das Menschenfräulein zurecht.
»Feuerkind«, ruft sie in Gedanken, leise und lockend. »Feuerkind, komm zu mir.«
Sie spürt die Präsenz, spürt die aufkeimende Verwirrung und Hoffnung der Telepathin. »Wer bist du? Wie bist du hier hergelangt? Das sind meine Gedanken, niemand kann mich hier finden!«
»Ich habe ein Geschenk für dich«, sagt Rahab einfach, denn für mehr ist keine Zeit. Ein sanfter Hauch aus den schwarzen Nüstern, dann sickert ihr Leben mit dem Alma gleichzeitig aus ihr heraus.
Sie gibt alles auf einmal, hält nichts zurück für diese »Anderen«, von denen Kaoleigh gesprochen hat. Wenn die Telepathin sich aus der Zitadelle und der Vormundschaft der Königlichen herauskämpfen will, wird sie alles benötigen, was Rahab ihr bieten kann.
Mit jedem Augenblick, den sie schwächer wird, wird die Magierin stärker.
»Danke«, haucht es am Rande von Rahabs Wahrnehmungsfeld.
»Nein, ich muss danken, Feuerkind.«
»Megaira«, kommt es zurück, »aber fortan wird man mich als den letzten der Drachen kennen.«


Wer “Um alter Zeiten willen” (Aufgabe 2) kennt, wird es vielleicht gemerkt haben: es spielt in derselben Welt.

Ich hatte diesmal wenig Zeit, mich um Feinschliff zu kümmern, also tauchen evtl. RS-Fehler auf. Sorry.

Dass der Drache italienisch spricht … äh ja, das war auch eine Notlösung, weil ich faul war und keine großartigen Denkleistungen vollbringen konnte. Ob ich das also so lassen würde, ist fraglich.

Die dritte Zusatzbedingung, mit der Pflanze, habe ich einfach nicht unterbringen können, ohne dass es lächerlich wurde, sie fehlt also.

hinterlässt ein paar Glückskekse für Kritiker