• W
    williwu

    @nicola_ha Das hatte ich schon so ungefähr verstanden. Aber wenn ich nicht weiß, zu wem der Charakter spricht und welchen Hintergrund er hat, dann kann eine Antwort nur allgemein ausfallen.Wenn zB dein Charakter ein Knasti ist und zu seinen Zellengenossen spricht, wird das anders ausfallen, als wenn er Internatszögling in Salem ist und mit seinen Klassenkameraden spricht. Und allein dieser offensichtliche Kontext sagt noch nichts über den Charakter aus, denn der Knasti könnte es ja ehrlich meinen und der Elitezögling ein arroganter, äh, Naduweißtschonkerl sein.
    Deshalb ist es für mich wichtig, meine Charaktere genau zu kennen und dem Leser so versuchen zu vermitteln, wie sie sind. Dann brauche ich keine sprachlichen Codes, um ihr Wesen zu vermitteln. Wenn ich bei allem, was mein Charakter sagt, nur die Antizipationsfähigkeit der Leser im Auge habe und dabei davon ausgehen muss, dass diese im Zweifel nur PC akzeptieren, kann ich keine Authentizität vermitteln.
    Das ist ja das Problem, das ich bei historischen Stoffen habe. Wie kann ich einen eigentlich guten Charakter beschreiben, der aber Kreuzzüge unterstützt und Hexenverbrennungen befürwortet? Einfach, weil er ein Kind seiner Zeit ist - ich aber davon ausgehen muss, dass der Leser ihn für etwas verurteilt, was nach heutiger Vorstellung nur böse ist? Deshalb sind so viele Helden historischer Literatur Außenseiter in der damaligen Gesellschaft, weil der heutige Leser sich nur mit Menschen identifizieren kann, die eigentlich eine moderne Moralvorstellung vertreten. Im Mittelalter war Hagen von Tronje der Held, weil er vertrat, was damals als höchste Tugend galt: Die Treue. Heute ist er der Schurke, aus dem gleichen Grund. Als ich ein Kind war, gab es noch keine Schokoküsse, sondern, na ihr wisst schon. Das macht die Menschen, die damals so geredet haben, doch nicht durchweg zu schlechteren Menschen. Auch Astrid Lindgren oder Erich Kästner haben das N-Wort verwendet, und die sind bestimmt nicht verdächtig, Rassisten gewesen zu sein. Gibt es eigentlich eine interessantere Figur als Petersilie aus Kästners 35. Mai? Wenn er die heute erfände, würde sein Buch wahrscheinlich das Lektorat nicht überstehen, obwohl sie ein Appell an die Toleranz und Sinnbild der Gleichheit aller Menschen ist.
    Wir kaprizieren uns heute so auf einzelne Worte wie “Mädchen” etc., dass uns diese Trigger als Ersatz für ein fundiertes Urteil über Menschen dienen. Das erinnert mich an die Pawlowschen Hunde, die man einfach mit einem Signal für Futter konditioniert hat. “Der sagt Mädchen zu einer jungen Frau, der will sie erniedrigen.” Nö, er will sie erniedrigen, wenn er sie erniedrigen will, und das muss sich dem Leser erschließen. Wenn jemand einer alten Frau über die Straße hilft und dabei sagt “Komm, Oma, ich helfe dir.”, dann ist er immer noch ein besserer Kerl als jene, die nie “Oma” zu der Frau sagen, ihr aber auch nicht über die Straße helfen würden. Und wenn er nun mal der etwas joviale Typ ist, ist er auch nicht schlechter als die, die ihr helfen und nicht “Oma” sagen. Und wenn die Leser bei dem Wort “Mädchen” nur an Erniedrigung, aber nicht etwa an Zärtlichkeit denken können, dann tun sie mir leid, aber deshalb mag ich die Sprache und die Menschen - und meine Charaktere sind für mich Menschen - nicht geistig verarmen lassen.

    Verfasst in Schreibhandwerk weiterlesen
  • W
    williwu

    @felicea Tut mir leid, da habe ich ein anderes Menschenbild, urteile nicht so schnell über Menschen und lasse ihnen mehr Freiheiten. “Nahezu immer die Konnotation von unreif”? Was ist mit der Konnotation "im Herzen noch ein junges Mädchen "oder “schön wie früher” oder auch “unschuldig”? Warum nicht “ich bin verliebt wie ein Teenager”?
    Nein, ich lasse Menschen reden, wie sie sind, ohne sich ständig kontrollieren zu müssen. Ein wenig Menschenkenntnis lässt einen erkennen, ob jemand jemanden beleidigen oder herabsetzen will, oder ob er einfach aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Wenn ich mir oder meinen Charakteren verbiete, “Mädchen” oder “Junge” zu sagen, dann nehme ich ihnen ein gut Teil Freiheit, Unbekümmertheit und Ausdrucksfähigkeit. Ich presse sie in Schablonen. Mag auch eine Altersfrage sein, da wird man ja bekanntlich toleranter und duldsamer.

    Verfasst in Schreibhandwerk weiterlesen
  • marinacgn

    @Bianca Help! Ich kann in der Writing-Buddies-Gruppe “Historiker” keine Threads anpinnen. Wenn ich auf “Werkzeuge” gehe, kommt immer nur “Thread entfernen”, aber ich will drei Threads antackern ;) Zwei davon sind schon geschrieben, einen muss ich noch.

    Verfasst in Schreibmotivation weiterlesen

Es scheint als hättest du die Verbindung zu Schreibnacht verloren, bitte warte während wir versuchen sie wieder aufzubauen.